Tapas statt Plätzchen - Winterflucht nach Andalusien

7. Januar

Personalausweisgesetz § 4 Abs. 2: „Ausweise sind Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“. Blöd jetzt, daß ich meiner Aufsichtspflicht so kümmerlich nachgekommen bin. Gestern Abend schon hatte ich den freundlichen Rezeptionisten gebeten, in Almonaster la Real um den Versand des Bundeseigentums an die aufgedruckte Anschrift zu bitten. Leider erreicht er auch heute niemanden, und langsam mache ich mir Gedanken ob der Erfolgschancen dieser Vorgehensweise. Während des Frühstücks komme ich zu dem gleichen Schluss, der jede Führungskraft zuverlässig in den Burnout treibt – wenn etwas richtig gemacht werden soll, mach es lieber selbst…

Aber ich habe ja Zeit, der Weg ist das Ziel, die Sonne scheint vom tiefblauen Himmer und die Vorhersage für den von Westen her aufkommenden Regen… optimistisch betrachtet…

So parke ich Gilette knapp drei Stunden und 240 Kilometer später im strömenden Regen zwischen den Stützmauern der Dorfkirche von Almonaster la Real und halte nach drei weiteren Minuten mein Bundeseigentum in Händen. Soweit so gut.

Mit einem Imbiß in einer Art Trucker-Taberna wärme ich mich erstmal auf und überlege, was dem Tag noch zu entlocken ist. Nach dem schnellsten Weg hierher ist nun der kürzeste Weg aus dem Regen heraus gefragt. Außerdem sind die 5 Grad unangenehm. Ok, immer noch zwanzig Grad wärmer als in Berlin, aber man hat ja seine Prinzipien.

Also ab Richtung Flachland, Kurs Süd Richtung Doñanas. Und das Glück ist mit den Tüchtigen, bald lässt der Regen soweit nach, dass ich schnell wieder dem Lockruf der verwinkelten, wenngleich zeitraubenden Nebensträßchen erliege. Zunehmend aufhellend geht es ähnlich wie gestern durch spärlich besiedelte Landschaft beiderseits des Rio Tinto südwärts. Die Stimmung hat nach dem Regen ihren ganz besonderen Charme. Es gibt kein schlechtes Wetter.

Nach Erreichen der Tiefebene um das Guadalquivir-Delta geht es an die taktische Feinplanung. Durch die Doñanas führt bekanntlich kein Weg hindurch, also ein viertes Mal durch Sevilla, wo ich heute keine meinem Bauchgefühl zusagende Unterkunft finde. Die finde ich in Carmona, laut Wikipedia einer der ältesten Orte Andalusiens, etwa 40 Kilometer östlich von Sevilla. Über verwinkelte Einbahngassen, die mein Navi ebenso wie Ortsfremde in den Wahnsinn treiben – von Verkehrsberuhigung keine Spur, die Gassen sind inklusive Gehweg oft nur so breit wie handelsübliche Mittelklasse-PKW, Fußgänger drücken sich dann eben in die Hauseingänge, dafür ist „Abbiegen in drei Zügen“ hier Standard – erreiche ich mitten im historischen Zentrum das Hotel El Rincón de las Descalzas. Gilette darf unmittelbar vor der Eingangstür parken, ich finde mein Zimmer in dem pittoresken Gebäude zweieinhalb Innenhöfe weiter. Ein heißes Vollbad nach 415 überwiegend ziemlich kalten Fahrkilometern und ich bin bereit für abendliches Sightseeing, bis dann der Tag in einer urigen Taverne ausklingt.

1774909258725.jpeg
1774909174791.jpeg
1774909200059.jpeg
 
8. Januar

Nach der gestrigen Extra-Runde sollte ich mich wieder in den Masterplan einspulen. Wenn es denn einen gäbe. Jedenfall die Marschrichtung Ost wieder aufnehmen. Grob 250km Richtung Torre del Mar, Torrox oder Nerja, dieser Tagesplan nimmt beim hervorragenden Frühstück Gestalt an.

Gleich nach dem Losfahren genieße ich die fantastische Fernsicht vom Höhenrücken, auf dem Carmona so strategisch günstig angelegt wurde. Weit im Süden liegt markant die Sierra de Grazalema, deren Richtung ich zunächst ansteuere, um auf schnellstem Wege aus dem sich vor mir ausdehnenden weiten Flachland in fahrerisch interessantere Gefilde zu kommen. Beleidigt verhüllt sich besagtes Flachland in dichten Nebel, dem ich erst im ansteigenden Terrain bei Morón de la Frontera entkommen kann. Genau richtig, endlich wieder Kurven, und schon lasse ich mich wieder zu Schlenkern über vielversprechende Seitenstraßen verführen. Bis irgendwann Ronda gar nicht weit abseits liegt, Ronda, das mich im Frühjahr so schnöde durch Platzregen vergrault hatte. Wollte ich eigentlich rechts liegen lassen, aber gut, zweite Chance beim heutigen Sonnenschein. Zwar ist die Zufahrt zur berühmten Puente Nuevo von Norden kommend schon frühzeitig gesperrt, dank meines taktisch-zielstrebigen Herumirrens finde ich aber unversehens ein moto parking unmittelbar an der zweiten Brücke über den Tajo de Ronda, der Puente Viejo. Geht doch.

1775298005996.jpeg

So lässt sich der tiefe Einschnitt zwischen der Altstadt La Ciudad und dem jüngeren Stadtteil El Mercadillo mit spektakulären Ausblicken bis hinauf zur Punte Nuevo problemlos als Rundweg auf Schusters Rappen erwandern. Inklusive Besichtigung des Inneren der Brücke, die paar Euro sind gut angelegt.

1775298188721.jpeg
1775298060295.jpeg
1775298244966.jpeg

Derart kulturell bereichert, macht der anschließende einsame Ritt über die Passhöhe des Puerto del Viento und die zerklüftete Bergstrecke nach El Burgo am Rand der Sierra de las Nieves gleich nochmal so viel Spaß. Weiter über Ardales und El Chorro, erneut bestaune ich die schwindelerregende Brücke am Ausgang des Caminito del Rey und nehme mir vor, die Schlucht doch irgendwann einmal zu erwandern. Bucket list.

1775297961616.jpeg

Weiter ostwärts lotst mich Kurviger (der Algorithmus hat sich offenbar nicht geändert) erneut über die Schotterstraße, deren Zustand mich im Frühjahr hinsichtlich des Kleingedruckten in den Mietbedingungen der Leih-GS etwas bedenklich stimmte. Allerdings sind die beschädigten Passagen inzwischen weitgehend hergerichtet, und Gilette ist da sowieso nicht so pingelig.

1775297913822.jpeg

Schließlich erreiche ich die Montes de Malaga und arbeite mich über Colmenar, Benamargosa, Velez und Torrox immer wieder im Zickzack in die Berge und die Weißen Dörfer, die pueblos biancos ausholend in Richtung meines heutigen Hotels vor.

1775297885113.jpeg

Kurz vor Nerja fordert mich der Kurviger-Algorithmus noch einmal heraus – der vorgeschlagene harmlos erscheinende Weg über die letzten Hügel vor der Küste offeriert Kostproben aller denkbaren künstlichen und natürlichen Straßenbeläge, gut ausgewaschen und liebevoll verteilt auf schmale und enge Kehren und sportliches Gefälle. Zwar lassen videoüberwachte Tore zu luxuriösen Villenanwesen mit fantastischem Meerblick ebenso luxuriöse Fuhrparks vermuten, ohne wirklich erwachsene Bodenfreiheit geht hier allerdings gar nichts. Vermutlich werden die Frühstücksbrötchen per Helikopter geholt.

Ich bin jedenfalls erleichtert, mit Einbruch der Dunkelheit schließlich in der Altstadt von Nerja mein Hotel zu finden und den Abend in den Gassen und am Balcón de Europa zu beschließen.
 
9. Januar

Die Wetterkarte übernimmt mal wieder das Kommando - während die Costa del Sol ihrem Ehre macht, ist in den Bergen mit starker Bewölkung, Wind und Schauern zu rechnen. Sonnenhungrig wie ich bin, schaue ich mir also zunächst die Costa del Sol Richtung Westen an und will anschließend sehen, was in den Montes de Malaga heute so möglich ist.

Leider hält die Küstenstraße nach den ersten ansprechenden Kilometern das, was zu befürchten war – ab Torrox-Costa reiht sich Ortschaft an Ortschaft, vermutlich ein Eldorado für Strandurlauber, aber definitiv keines für Gilette. Kurz vor Malaga biege ich ab in die Berge, und bereits nach wenigen Kilometern und etlichen Höhenmetern verschmelzen die schmale Straße, die Kurven und die Aussicht wieder zu einem Zweirad-Eldorado.

1775315727587.jpeg

Der in weiten Teilen als Kammstraße angelegte Straßenverlauf führt mich, am Schluß teils unbefestigt und sehr steil, hinauf zum gut 1000m hohen Santopitar, der sich als exponierter Gipfel sowohl für Sendeanlagen als auch für ein fantastisches Panorama anbietet. Exponiert bin ich hier leider auch dem sehr stürmischen kalten Wind ausgesetzt, so dass der Aufenthalt doch eher kurz ausfällt.

Weiter geht es entlang der Kammstraße nach Comares, einem mindestens ebenso exponiert auf einem Felssporn thronenden, historischen pueblo blanco, das am Dorfplatz außer der fast genauso guten Aussicht zusätzlich eine windgeschützte sonnige Bar bietet. Und ein Kaffee und ein paar Tostadas gehen ja immer.

1775315750423.jpeg
1775315772960.jpeg
1775315787768.jpeg

Nach dem kurvigen Abstieg ins Tal nach Benamargosa schlage mich gleich wieder in die Berge, die nächste kurvige Kammstraße Richtung Küste, die Wolken werden allmählich dichter.

1775315824018.jpeg

Die Küstenstraße gen Osten muss ich nicht noch einmal haben, alternativ bleibt nur die Autobahn, ähnlich öde aber halt schneller. Erst auf der teils hoch über der zerklüfteten Steilküste geführten Carretera del Mediterráneo zwischen Nerja und Salobreña wetteifern wieder Kurven und Aussicht um Aufmerksamkeit.

1775315846843.jpeg
1775316526455.jpeg
1775315881587.jpeg
1775315897857.jpeg

Immer wieder muss ich anhalten und die Ausblicke genießen, selbst die Ortschaften in den sandigen Buchten versprühen immer noch weit mehr Charme als die durchgehende Bebauung an der Costa del Sol. So sehr, daß ich die Tagesetappe spontan in Almuñécar beende und mich im Hotel Casablanca, gleich unterhalb der Heiligenfelsen von San Cristóbal einbuche.

1775316024834.jpeg
1775315943292.jpeg
1775316111295.jpeg
 
Weiter über Ardales und El Chorro, erneut bestaune ich die schwindelerregende Brücke am Ausgang des Caminito del Rey und nehme mir vor, die Schlucht doch irgendwann einmal zu erwandern.
Hole de España,

da hast du aber leider nur einen kleinen Ausschnitt erfasst...........
20220518_123611.jpg
 
10. Januar

Hotel, Restaurant und die Lage gefallen mir so gut, daß ich nach dem Frühstück kurzerhand eine Nacht verlängere und heute nur eine Rundtour plane, wie gestern einfach Bergstraßen abgrasen, diesmal aber im Osten von Almuñécar.

Erst den Rest der Carretera del Mediterráneo bis Salobreña, beim Queren des Mündungsgebiets des Rio Guadalfeo grüßt im Norden schon wieder die verschneite Sierra Nevada. Und kurz darauf geht der Kurvenzauber wieder los, hinauf in die Berge, Kammstraßen, hinunter an die Küste und die nächste Gelegenheit wieder hinauf, und das abwechselnd mit Meerblick über die Costa Tropical oder zu den schneebedeckten Höhen über den Alpujarras – Bilder sagen mehr als Worte, die das Kurvenfeeling ohnehin nicht beschreiben können.

1775414983309.jpeg
1775415005402.jpeg
1775415025598.jpeg
1775415049426.jpeg
1775415081585.jpeg
1775415100684.jpeg

Als ich endlich am Westende der Alpujarras auf die Wasserfläche des aufgestauten Rio Guadalfeo treffe, ist mir klar daß hier noch einiges mehr an lohnenswerten Straßen auf mich wartet.

Doch für heute steht noch der Mirador de la Cabra Montés auf dem Zettel, dazu muss ich nochmal weit nach Norden Richtung Granada ausholen um auf die Carretera de la Cabra zu kommen, die sich in Nord-Süd-Richtung in großenteils deutlich über 1000m Höhe durch die Berge windet, bevor sie nach besagtem Mirador in Serpentinen hinunter nach Almuñécar fällt. Und obwohl die Straße mit ziemlich schlechtem Asphalt gesegnet ist, bevölkern erstaunlich viele erstaunlich sportliche Motorradfahrer diese Bergstrecke. Immerhin 300 unvergeßliche Kurvenkilometer kommen so auf dieser Tagestour zusammen, bis ich schließlich wieder am Hotel Casablanca eintreffe.
 
11. Januar

Die Alpujarras sollen es heute nochmal werden, doch vor den Genuß haben die Götter den Schweiß gesetzt, und der bricht mir aus, als ich einen Eisenkrampen in meinem immer noch recht jungen Hinterreifen entdecke. Nee, is klar, Samstagmorgen eben.

Et kütt, wie et kütt, hilft nix, das Ding muss raus. Notfalls kommt halt das Flickzeug zum Einsatz.

Als das unidentifizierbare Objekt extrahiert ist und der Reifen weder pfeift noch zischt, keimt bei mir die Hoffnung, daß das Ding im derzeit noch üppigen Reifengummi einfach verhungert ist und keinen Durchbruch erzielt hat. Einfach mal mit einem Auge auf der Reifendruckanzeige losfahren.

1775764745391.jpeg

Et hätt noch immer jot jejange.

Erst vorsichtig, dann zunehmend zuversichtlich geht es noch einmal entlang der Costa Tropicana nach Salobreña, weiter durch die Altstadt von Motril und auf der kleinsten und schönsten der drei alternativen Routen wieder hinauf zum aufgestauten Rio Guadalfeo, der Embalse de Rules.

Von hier sind es 45km bis zur knapp 1000m hohen Wasserscheide zwischen Rio Guadalfeo und Rio Yator, Kurve an Kurve an Kurve, vergleichsweise gut ausgebaut – eine Strecke zum Genießen. Sorry, no pictures. Und trotz Samstag bin ich offenbar früh genug dran, erst gegen Ende steigt die Dichte an Wochenendrennfahrern im Repsol-Look.

Anlass für mich, wieder auf die schmalen Berg- und vor allem Kammstraßen abzubiegen und nach Blickführung Kurvenausgang auf Blickführung Panorama umzuschalten. Und das lohnt sich, blauer Himmel, hinter mir die majestätische Sierra Nevada, vor mir immer wieder wechselnde Landschaftsbilder, von zwei, drei Bergdörfern abgesehen eine einsame Gegend.

1775764846050.jpeg

Bis hinunter zur Küste lasse ich mich treiben, dann wieder hinauf in die Alpujarras, und schon nistet sich der Gedanke an die Puerto de la Ragua ein. Der höchste Pass über die Sierra Nevada, wie weit ich da heute wohl hinaufkomme?

Nicht wirklich weit, bereits nach der ersten Spitzkehre in 1250m ist die Fahrbahn bergwärts gesperrt. Die spanische Beschriftung verstehe ich nicht, aber ich halte mich dran.

Allerdings ging da doch gerade noch aus der Kehre ein, naja, Wirtschaftsweg hinüber zum Dorf auf der anderen Talseite, und von dort zeigt das Navi ein Sträßchen an, das ein paar Kilometer unterhalb der Passhöhe wieder in die Haupstraße mündet.

Neuer Ansatz, etwas rustikaler, aber immer noch legal.

Je höher ich komme, desto häufiger werden die Schneereste am Straßenrand und auch nicht nur am Rand, aber nichts, was die Weiterfahrt oder später den Rückweg infrage stellt. In 1700m erreiche ich die Hauptstraße, ganz schön schattig hier oben, aber fahrbar und sonderbarerweise bin ich nicht allein unterwegs.

Erst 300 Höhenmeter später wird mir schlagartig klar – keine Sperre wegen winterlicher Bedingungen, sondern wegen Überfüllung! Halb Spanien genießt hier oben Sonne, Schnee und blauen Himmel, die Autofahrer kloppen sich um Parkplätze während die Glücklicheren bereits die Schneeflächen bevölkern.

1775764950283.jpeg
1775764979035.jpeg

Angesichts der Menschenmassen und der zapfigen Temperaturen (Zweiräder suche ich hier vergebens) fahre ich bald weiter und lasse mich überraschen, wie es auf der unbesonnten Nordrampe aussieht.

Mit der nötigen Umsicht gut fahrbar, und zusehends öffnet sich ein herrliches Panorama über die weite Hochebene nördlich der Sierra Nevada.

Unten angekommen, zurück in der Wärme zwischen Olivenbäumen, bestaune ich die Aussicht auf das Castillo de La Calahorra, einer imposanten Trutzburg aus dem frühen 16. Jahrhundert und nehme meine Übernachtungsplanung in Angriff.

1775764917006.jpeg

Von hier Richtung Tabernas gibt es praktisch nur Autobahn, und da ich so überraschend die Puerto de la Ragua vollständig bewältigt habe, spricht eigentlich nichts dagegen, die Passstraße auch in Gegenrichtung zu genießen. Also noch einmal hoch in die Kälte, diesmal ohne die Ungewissheit, wie weit die Straße fahrbar sein wird, kurz den Wintersportlern gewunken und wieder über die sonnenbeschienene Nebenstrecke hinunter. Entlang der östlichen Ausläufer der Sierra Nevada muss ich einfach nur dem Tal des Rio Andarax, auch das zählt großteils noch zu den Alpujarras, bis nach Almería folgen.

Wieder einmal alles richtig gemacht, mit der untergehenden Sonne im Rücken zeigt sich die Landschaft in zauberhaften Farben. So wird es schon wieder dunkel, bis ich im inzwischen vertrauten Gewirr des Zentrums von Almería das Hotel Costasol erreiche.

Ein letzter Abend in der andalusischen Wärme, morgen startet der Rückweg in den heimischen Winter.
 
12. Januar

Andalusien bietet noch einmal alles auf, um mich vom Heimweg abzuhalten – ein herrlicher Tag kündigt sich an. Hätte ich nicht schon tagelang die mittelfristigen Vorhersagen verfolgt, um ein halbwegs akzeptables Fenster für die Strecke zwischen Südfrankreich und der Schwabenmetropole zu finden – ich könnte schwach werden. Um aber bei wenigstens positiven einstelligen Temperaturen und hoffentlich trocken über die Frankreichroute nach Hause zu kommen, gibt es auch heute früh absehbar nur ein sehr schmales Wetterfenster in vier Tagen.

So starte ich auf der inzwischen vertrauten Strecke nach Tabernas, weit voraus blinken die Observatorien des Calar Alto im gleißenden Schnee vor tiefblauem Himmel. Durch die Kakteenfelder hindurch nehme ich erneut den Velefique in Angriff. Nach den sonnigen Tagen bereitet die Auffahrt heute überhaupt keine Probleme, ich habe den Pass im strahlenden Sonnenschein für mich allein und genieße Kurven, Landschaft und Panorama in vollen Zügen.

1775821697671.jpeg
1775821714174.jpeg
1775821734622.jpeg
1775821776417.jpeg

Nach diesem Highlight falle ich in die bewährte Marsch-Strategie, auf möglichst kleinen Straßen möglichst viel vom Landschaftsrelief mitzunehmen, und gleichzeitig so weit wie möglich in Richtung Valencia voranzukommen. Und wie zu erwarten wechseln sich sehens- und fahrenswerte Abschnitte mit unspektakulären Teilstrecken ab, der Reiz liegt im Unerwarteten hinter der nächsten Kurve.

1775821839769.jpeg

Und davon hat das trockene Hinterland von Murcia und Alicante allerhand zu bieten. Schnörkelige Querungen trockener Flussbetten, unfassbar rumpelige Verbindungsstraßen, sehenswerte abgelegene Dörfer und veritable Schluchten. Und am Ende ein Kleinod von einem Hotel, in dem ich bedaure nur zum Übernachten abzusteigen.
 
13. Januar

Auch heute versuche ich möglichst viele Teilstrecken mit hohem Krümmungsanteil, vorzugsweise in Verbindung mit Höhenmetern einzubinden.

1775824880839.jpeg

Anstatt aber Valencia weiträumig zu umfahren, ist mir die Stadt einen kleinen Bummel wert. In bewährter Manier mitten hinein ins Zentrum der Ciutat Vella, Moto Parking gesucht und gefunden, und schon steht zumindest einem ersten Eindruck nichts mehr im Wege. Kathedrale, Plaça de la Reina, Mercat Central und der unvermeidliche Kaffee – Valencia festigt seinen Platz auf der Bucket List.

1775824903882.jpeg
1775824923722.jpeg
1775824941246.jpeg
1775824980985.jpeg

Aus dem Ballungsgebiet hinaus dürfen es ein paar Autobahnkilometer sein, doch die erstbeste Gelegenheit vom flachen Küstenstreifen in die Berge anzubiegen, wird sofort mit traumhaften Kurvenkilometern belohnt, die bestenfalls von einigen Radfahrern frequentiert sind. Und macht Lust auf mehr, wieder beginne ich mich von der geplanten Route in kleinere Nebenstrecken zu verzetteln. Was sich wie immer lohnt, und auch die Strecke entlang des Ebro ist ohne Nebel im wahrsten Sinne des Wortes sehenswert.

Wenig überraschend erreiche ich später als geplant in die Gegend um Tarragona und beschließe, mangels überzeugender Unterkünfte noch ein paar Autobahnkilometer dranzuhängen und im bewährten Platjador in Sitges zu übernachten.
 
14. Januar

Mit ein bisschen Disziplin sollte heute Sète zu erreichen sein, das Klein-Venedig des Languedoc, das mich auf der Hinfahrt so schauerlich fortgespült hat. Nur ist das mit der Disziplin so eine Sache, denn weder die Straße der 1000 Kurven, noch den Küstenabschnitt um Portbou an der spanisch-französischen Grenze mag ich dafür auslassen.

Das Wetter um Barcelona ist heute durchwachsen, die dichtbebaute Costa del Maresme lässt sich ohnehin am besten über die Autobahn bewältigen. Zugunsten der Kurvenstrecke von Tossa del Mar nach San Feliu de Guíxols – zwar ist die Fahrbahn heute noch regennass, doch der Himmel klart auf und so genieße ich eben mit entspanntem Kurvenschwung die Ausblicke entlang der Steilküste der Costa Brava.

Auf der Verbindungsetappe über Girona und Figueres locken schon die verschneiten Gipfel der Pyrenäen vor blauem Himmel und bringen sich so für eine nächste Reise subtil in Stellung.

Im Languedoc ist heute Regen angesagt – umso besser, das gute Wetter hier mit dem lohnenden Umweg über Portbou und Cerbère auszunutzen.

In der Tat hätte ich mir die Temperaturen, die heute wie schon auf dem Hinweg am nordöstlichsten Zipfel Spaniens herrschen, an manchen Tagen in Andalusien und an der Algarve gewünscht…

1775831183975.jpeg

Diesmal vermeide ich auch bewusst den Scheiteltunnel am Coll de Frare, pausiere zwischen Kakteen auf der Passhöhe, nach Süden mit Blick über die Costa Brava, nach Norden über Portbou mit den ausgedehnten Gleisanlagen, die einem Stuttgarter Tränen in die Augen treiben, bis hinüber zum Coll dels Belitres, der Grenze zu Frankreich markiert.

1775831124984.jpeg
1775831149950.jpeg

Kaum liegt auch der französische Teil der Pyrenäenausläufer hinter mir, trübt sich das Wetter kräftig ein, zumindest aber bleibt der Küstenstreifen weitgehend niederschlagsfrei und lässt mich die letzte Etappe über Routes Nationales und Autoroute zügig zurücklegen.

Das ibis Hotel Sète Centre besticht nicht unbedingt durch besonderen Charme, punktet aber mit einem abgeschlossenen Parkplatz, französischer Effizienz und günstiger Lage.

Ein letzter Abend mit Mittelmeerflair am Canal Royal von Sète.

1775831064052.jpeg
1775831089924.jpeg
1775831037940.jpeg
 
15. Januar

Der Blick aus meinem Hotelzimmer geht auf den Hafen von Sète und die Fähre nach Tanger, in die Wärme…
Stattdessen liegen gut 900km durch zunehmende Kälte vor mir. Die Option der mautfreien A75 über Clermont-Ferrand scheidet wettertechnisch komplett aus. Dank des kräftigen Südwinds hält das schmale Wetterfenster im Rhônetal jedoch, was die Vorhersagen versprochen haben: es ist teils bedeckt, streckenweise sogar sonnig und von Niederschlag bleibe ich verschont. Strategie heute: soviel Nationalstraßen und Sonnenschein wie möglich, und soviel Autobahn wie nötig um die durch den Südwind relativ milden Temperaturen möglichst weit mitzunehmen. Und angesichts der vorbeiziehenden wunderbaren französischen Landschaften links und rechts des Rhônetals die Zähne zusammenzubeißen und fest vorzunehmen: bald wieder! Es ist halt einfach erst Januar.

Autobahn bis Orange, dann Landstraße entlang der Rhône, im Zentrum von Valence ein Café au lait mit Croissant im Sonnenschein (und stürmischen Wind), und um Lyon herum wieder auf der Ringautobahn.

1775993479432.jpeg

In Absprache mit dem Regenradar halte ich mich anschließend mehr Richtung Jura als der Saône zu folgen, durch die Seenlandschaft Richtung Bourg-en-Bresse ist ohnehin viel schöner zu fahren. Hart am Rand der Jura verlieren Gilette und ich kurz vor Lons-le-Saunier die Contenance, wir schlagen uns rechts in die Berge und genießen in der untergehenden Sonne auf den letzten Kilometern dieses eher drögen Tages doch noch ein paar vernünftige schmale, kurvige Sträßchen, bevor wir nach knapp 500km Fahrstrecke oberhalb von Lons-le-Saunier unsere Unterkunft erreichen.

1775994092471.jpeg

Das Hôtel-Restaurant La Chaumette liegt im Nirgendwo am Straßenrand mit grandioser Aussicht, liebevoll dekoriert vom jungen Betreiberpaar, Garagenscheune für Gilette, französisches Menu für mich, dem einzigem Gast, vive la France!
 
16. Januar

Bis gestern lief das ja alles noch schneefrei und vergleichsweise wohltemperiert, immerhin gab es ja auch in Andalusien Tage, die nicht über niedrige einstellige Temperaturen hinauskamen. So bin ich angenehm überrascht, daß der Morgen schon mit 8 Grad startet. Durch die Burgundische Pforte ist Niederschlag nicht auszuschließen, darum plane ich über das wohlbekannte Jura-Routing, entlang des Doubs und die kurze Schweiz-Traverse nach Weil am Rhein.

Und stolpere schon, bevor die Reifen überhaupt warm sind, ins erste Déjà-vu, den herrlichen Ausblick auf den felsgesäumten Talkessel Cirque de Baume.

1776021830320.jpeg

Der weitere Verlauf durch den Jura zeigt je nach Höhenlage mehr oder weniger geschlossene Schneedecken abseits der meist trockenen Straßen, die Temperaturen schwanken mit den Höhenmetern im positiven Bereich. Prima.

Bis ich hinter Pontarlier ins Tal des Doubs eintauche, das von der tiefstehenden Wintersonne seit längerem nichts mitbekommen hat und sich somit durchgängig mit Nachttemperaturen zufriedengibt. Trotz der malerischen Strecke gehe ich hier auf Schleichfahrt, der Höhlenkapelle von Remonot nicke ich nur im Vorbeifahren zu, die Finger bleiben fest an den unter Vollast laufenden Heizgriffen. Minus fünf Grad zeigt das Display.

1776021895044.jpeg
1776021915558.jpeg

Welch eine Erholung, hinter Marteau auf die Hochfläche in Richtung Doubs-Schleife zu wechseln, hier oben herrschen im Sonnenschein zweistellige Temperaturen! Als ich später bei Glère von der Hochfläche erneut ins Tal des nun westwärts fließenden Doubs absteige, fällt das Thermometer gleichzeitig um ganze 15 Grad!

Kurz durch die Schweiz ins Sundgau gequert, vorbei am EuroAirport über den Rhein ins Markgräfler Land, und schon bin ich wieder soweit aufgetaut, daß ich mir mutig das Wiesental und die Feldbergroute vornehme, statt den Schwarzwald über die Rheintalautobahn zu umfahren.

Ganz so kalt wie im Doubstal wird es nicht mehr, dennoch schauen die Skifahrer am Feldbergpass etwas konsterniert auf das deplaziert wirkende Wintersportgerät.

1776021973772.jpeg

Mehr Schwarzwaldromantik als bis zum Titisee gibt der kurze Tag leider nicht mehr her, die letzten Reisekilometer werden schließlich auf der Autobahn abgespult, um vor Einbruch der Dunkelheit die heimischen Gefilde zu erreichen.


Über 20 Grad, blauer Himmel, Sonnenschein, das waren die einleitenden Worte dieser Reisebeschreibung und die Motivation, mitten im tiefsten Winter eine solche An- und Abreise auf eigener Achse zu wagen – und am Ende bin ich selbst erstaunt und sehr dankbar, wie unproblematisch sich alles mit einem Mindestmaß an Planung, viel Bauchgefühl und einer großen Portion Glück gefügt hat.

1776022028809.jpeg

30 Tage unterwegs, gut 9400km in fast 150 Stunden – falls Gilette irgendwann noch auf korrekte Dreisatzrechnung upgedatet wird, wird sich der viel zu hohe Autobahnanteil zeigen, der Jahreszeit, dem Wetter und ein bißchen dem verlorenen Perso geschuldet, aber dazwischen jede Menge traumhafter Kurven bei manchmal über 20 Grad, blauem Himmel und Sonnenschein.


Und wieder einmal das Fazit: einfach machen!
 
Und wieder einmal das Fazit: einfach machen!
Wohl war und auch hier nochmal mein Glückwunsch zum Umsetzen dieser Reise (y) .. danke aber vor allem für die tollen Bilder sowie den unterhaltsamen und informativen Text ;)
 
Vielen Dank für den sehr schönen Bericht. Durch Lyon würde ich zwischen 9 und 15 Uhr immer mitten durch fahren!
 
Danke fürs mitnehmen. Ein wirklich toller Trip! Könnte ich mir gut mal 2 Monate später vorstellen😉
 
Zurück
Oben Unten