25. Dezember
Der verlängerte Aufenthalt im Nuevo Torreluz ist nicht nur dem Weihnachtsfeiertag geschuldet, auch nach den Wetteraussichten ist die Region Almeria das derzeit am wenigsten kalte und am wenigsten regnerische Gebiet Andalusiens. Auch wenn die erhofften sonnigen 20 Grad in weiter Ferne liegen.
Zudem fragt Gilette allmählich nach neuen Schuhen. Meine Schwabenseele brachte es mal wieder nicht übers Herz, die pfennigguten Heidenaus vor der Tour vorzeitig zu wechseln und dann die neuen Reifen auf französischen Autobahnen gleich mal eckig zu fahren. Bis Katalonien sollten die alten Pneus allemal reichen, und überraschenderweise halten sie sich weit besser als erwartet. Vielleicht hilft mir der hiesige BMW Motorrad Concesionario Oficial nach dem Feiertag weiter.
Apropos Feiertag, in Spanien gibt es nur einen Weihnachtsfeiertag am 25. Dezember, der wird allerdings derart konsequent eingehalten daß eine Stadtbesichtigung müßig scheint. Selbst die Alcazaba bleibt geschlossen.
Derart kulturell eingeschränkt, bleibt dann eben nur noch die Flucht ins Umland. Auf zwei Rädern.
Mit der Vormittagssonne im Rücken bietet zunächst die zerklüftete Küste nach Westen ein tolles Panorama, bis in der anschließenden Küstenebene die Gewächshausdichte überhand nimmt. Mar del Plástico, ein zweischneidiges Thema, kaum ein halbwegs ebenes Fleckchen, das nicht unter Plastik verschwindet, aber der Obst- und Gemüsehunger Europas ist groß und die Böden Andalusiens ohne Nachhilfe zu karg und zu trocken.
Ich schlage mich jedenfalls nach Norden in die Sierra de Gador, der Mirador Monte de Carmen steht als lohnenswertes Ziel auf meiner Liste. Ist er, sowohl das Ziel als auch die Anfahrt zu diesem entlegenen Aussichtspunkt.
Auch die weitere Route nach Norden bleibt ein Traum, hinunter ins Tal des Rio Andarax, über die östlichsten Ausläufer der Sierra Nevada, Kurve um Kurve arbeite ich mich wieder an die Sierra de los Filabres heran, deren schneebedeckte Hänge immer häufiger in der Ferne aufblitzen. Wenn die Wolken gerade gnädig sind, zeigen sich sogar die Observatorien des Calar Alto am Horizont.
Die dürften heute auf der Straße unerreichbar bleiben, aber ähnlich wie gestern hangele ich mich auf der Südseite des Gebirges entlang, bereits der Alto de Castro de Filabres bringt mich, wie ungemein passend, auf 1250m und zu dem einen oder anderen Schneerest in den schattigen Kehren.
Da steigt die Vorfreude auf ein paar Grad wärmer in der Wüste von Tabernas. Als ich jedoch die Hauptstraße erreiche, rechts Tabernas, links Velefique… kann ja mal kurz schauen, wie viele Kehren des „Stelvio von Andalusien“ heute befahrbar sind.
Die Ortschaft Velefique ist schnell erreicht, der Pass ist nun nicht gerade als offen gekennzeichnet, aber auch nicht gesperrt, unterhalb der Schneegrenze sind die Kehren trocken und gut befahrbar. Velefique an Weihnachten, nicht schlecht.
Leider endet der Spaß knapp dreihundert Meter unterhalb der Passhöhe, als die Straße im schützenden Wald unvermittelt komplett schneebedeckt ist, hier ist heute Ende. Immerhin.
Bergab ist der Spaß ja nicht weniger groß, und jedes Grad wärmer ist ein zusätzlicher Bonus.
Richtung Almería gibt es nun den gestrigen, direkten Weg rechts um die Sierra Alhamilla herum, aber dafür ist der Tag eigentlich noch zu jung. Linksherum ist Neuland, die AL-102 nach Níjar sieht auf der Karte aus wie ein direkter Angriff auf die Reifenflanken. Also linksherum.
27km Kurve an Kurve, bergauf, bergab, kein Verkehr, dafür Panorama satt wenn der Blick mal in die Ferne schweifen darf. Jedenfalls links, rechts wird das Panorama zusehends von schwarzen Wolken getrübt, die mich aber freundlicherweise den Kurvengenuß bis zum Ende auskosten lassen. Erst am Stadtrand von Níjar öffnen sie ihre Schleusen, halt, ich hatte hier diesmal gar kein Sightseeing geplant, das schauerlich zu verhindern wäre.
10km auf der Autovia del Mediterráneo bringen mich zügig von den Bergen weg in trockene Gefilde, doch droht inzwischen ringsum verstärkte Schauertätigkeit, so daß eine Rückfahrt nach Almería angeraten ist. Cabo de Gata muss warten. Der Heimweg entlang der Küste bietet landschaftlich nicht allzu viel, bleibt aber trocken und immerhin kann ich unterwegs noch eine Weihnachtstorte im Strandlokal von Costacabana auflesen.
Ach ja, da Almería dann doch vom Regen verschont bleibt, ist mir anschließend ein Spaziergang auf den Cerro San Cristóbal vergönnt, mit grandiosem Ausblick auf die Alcazaba de Almería. Obwohl sie am Weihnachtsfeiertag geschlossen hat.
