Tapas statt Plätzchen - Winterflucht nach Andalusien

BlueQ

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R 1250 GS
Über 20 Grad, blauer Himmel, Sonnenschein, und das im Tausch gegen Weihnachtsrummel, Schmuddelwetter und Zweiradabstinenz… Immer wieder sind Berichte von Winterfluchten nach Andalusien bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen und haben mich nicht mehr losgelassen.

Im März war ich eine Woche mit einer Miet-1300 in Andalusien unterwegs gewesen, für mehr Flexibilität soll es diesmal die eigene 1250 sein. Und wenn schon, dann auf eigener Achse. Mit besagter Flexibilität wird sich für Hin- und Rückweg schon ein passendes Wetterfenster finden lassen – hab ich mir gedacht...
 
17. Dezember

Die Schnittmenge mehrerer Wetterapps, die für die nächsten Wochen meine intensivsten Kommunikationspartner sein werden, destilliert den morgigen Tag die beste und letzte Möglichkeit des Jahres, um vom mittleren Neckar an die untere Rhone durchzubrechen. Schon längst bin ich über sämtliche meiner von den Adventskerzen geworfenen Schatten gesprungen und habe akzeptiert, daß ich für eine halbwegs zügige Anreise in wärmere Gefilde meine Autobahnallergie unterdrücken muss. Die Entscheidung Rheintal – Burgundische Pforte – Rhonetal oder die 100km kürzere, aber langsamere Schweizer Route Neckartal – Hochrhein – Aaretal – Genf – Rhonetal behalte ich mir bis zur letzten Minute vor. Irgendwo auf Höhe von Lyon sollten beide Routen zusammenlaufen und idealerweise meine erste Tagesetappe enden.
 
18. Dezember

Die Würfel sind gefallen, die Baustellenmeldungen aus der Schweiz und die geringfügig angenehmeren Temperaturen auf der Frankreichroute geben den Ausschlag. Die Koffer sind leicht, die meisten meiner Klamotten trage ich persönlich in Schichten am Körper, um 9:15 bollert Gilette los. Sieben Stunden geradeaus auf der Autobahn, Opfer müssen eben gebracht werden, wusste schon der alte Otto Lilienthal.

Dafür läuft’s recht gut, während in Gegenrichtung der Verkehr kilometerweit steht, hält mich selbst die Großbaustelle Pforzheim kaum auf, im Rheintal scheint die Wintersonne, dort hatte ich eher kalte Dauernebelgebiete befürchtet. Nach drei Grad in den Schwarzwaldtälern werden die Temperaturen im Breisgau allmählich zweistellig. So vergehen die Stunden, dank Péage und Tankstopp bekommt der sechste Gang ab und an eine kurze Verschnaufpause, und als die Blendung durch die tiefstehende Sonne allmählich unerträglich wird, kann ich bei Beaune auf Südkurs wechseln. Der Abwechslung halber spare ich mir die Umfahrung Lyons und fahre direkt durchs Zentrum. Der Plan geht auf, bei Einbruch der Dunkelheit rolle ich auf dem umzäunten Parkplatz des Kyriad Valence aus, heiße Dusche, Restaurant, Bett und Frühstück, mehr brauchts nicht. 718 eher öde Fahrkilometer ohne nennenswerte Schräglage, aber dafür gibt’s morgen Tapas.
 
19. Dezember

Erwähnte ich schon, daß Autobahnen öde sind? Das Wetter ist heute niesel-schauerlastig, die Temperaturen immerhin zweistellig - was im Sommer in Norwegen recht ist, kann im Winter in Südfrankreich eigentlich nur billig sein. Also quere ich die Rhone und folge der Route Nationale nach Süden. Das verbessert zwar nur unwesentlich die Schräglagenstatistik und schon gar nicht den Schnitt, fühlt sich aber trotzdem gleich viel besser an. Irgendwann bietet sogar eine Route Départementale die bessere Streckenführung und führt mich quasi direkt zum Pont du Gard. Ich ringe mit mir, aber den Fußmarsch im Nieselregen bei inzwischen wieder 8 Grad vom überteuerten menschenleeren Parkplatz zu den Aussichtspunkten lasse ich aus. Spanien wartet. Kommt auf die bucket list. Bestimmt werde ich diese Entscheidung beim nächsten Versuch, womöglich einem sonnigen Sommerferienwochenende im August, wenn es auf den Pfaden zugeht wie in einer Tokioter U-Bahn zur Hauptverkehrszeit, zutiefst bereuen.

Spanien wartet. Und die dichte Besiedelung lässt mich ab Nîmes wieder auf die Autobahn wechseln, um nicht den Rest des Tages im stetigen Stakkato von Kreisverkehren und Ralentisseurs, den bei Frankreichs Kommunen äußerst beliebten Bremsschwellen, zu verbummeln.

Doch schon hinter Montpellier lockt die Lagunenstadt Sète, die mir einen schnellen Abstecher wert scheint. Ist sie auch, nur vielleicht nicht in dem einsetzenden starken Schauer, der mich just mit Erreichen des Stadtzentrums ereilt. Komisch, so habe ich auch einige andere Städte in Erinnerung, Ronda, Patras, Alta. Also – auf die bucket list und weiter. Spanien wartet.

Kaum liegt die Stadt hinter mir, entlang der 15 Kilometer langen Sandbank zwischen Mittelmeer und Lagune, dem Étang de Thau, lässt der Schauer nach. Ja nee, war klar.

Noch einmal eine Autobahnetappe bis Perpignan und dann ab dorthin, wo die Pyrenäen das Mittelmeer küssen: auf die kurvenreiche Küstenstraße beiderseits der französisch-spanischen Grenze. Ab Port-Vendres wird Gilette endlich wieder artgerecht bewegt, Verkehr ist kaum vorhanden und so schwingen wir uns zum Coll dels Belitres, wo auf der schwindelerregenden Passhöhe von 165m endlich Spanien erreicht ist. Nur die einsetzende Dunkelheit (ok, auch meine kurzzeitige Unaufmerksamkeit) lässt mich am nachfolgenden Coll del Frare (190m) den „Scheiteltunnel“ nehmen. Wenig später endet diese 450km-Etappe in einem herzallerliebst weihnachtlich dekorierten Hotel am Jachthafen von Llançà. Abendbummel unter Palmen bei 18 Grad entlang der festlich geschmückten Strandpromenade. Ach ja, und Tapas im Hotel. Hola España. Lässt sich gut an.

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Hola BlueQ ... na endlich ... und ich dachte schon die Saison startet ohne Deine Reiseberichte von der Wintertour ... ;) ... 😂
 
20. Dezember

Der Tag startet bewölkt, mit Glück bleibe ich entlang der Küste vom Regen verschont. Da Spanien erreicht ist, will ich ein bisschen Tempo rausnehmen. Da lockt gleich am Anfang Cadaqués und das Cap de Creus für meine Sammlung exponierter Landpunkte.

So beginnt der Tag gleich kurvig mit der Passauffahrt zum Coll de Perafita (242m) und wieder hinunter nach ins idyllische, abgelegene Cadaqués. Meine erste Begegnung mit der Überforderung des Navis bei baustellenbedingten Strassensperrungen im Einbahngewirr spanischer Ortszentren.

Der leider schlechte GPS-Empfang meines Tablets läßt in engen Gassen die Standortvermutungen und Navigationsansagen komplett erratisch werden. Rückfall auf den guten alten Orientierungssinn und das Bauchgefühl. Kann auch mal ganz neue Perspektiven eröffnen.

Jedenfalls komme ich so entlang Cadaqués’ uriger Uferstraße irgendwie auch wieder aus der Ortschaft heraus, denn selbstredend suche ich den östlichsten Festlandspunkt der Iberischen Halbinsel. Dafür lasse ich auch Dalís Haus in Portlligat rechts liegen. Die 7km lange Zufahrt zum eigentlichen Cap de Creus ist im Sommer für den motorisierten Verkehr gesperrt, wie gut, daß bald Weihnachten ist. Trotz marginalen Wetters macht die kurvige Straße durch die karge Felslandschaft viel Spaß, der von hinten allmählich aufschließende spanische Lieferwagen legt die Vermutung nahe, daß mein Toleranzbereich des geltenden Tempolimits konservativer als ortsüblich ausfällt.

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Den Parkplatz am Leuchtturm habe ich für mich, das Wetter erlaubt sogar einen Fußmarsch über die zerklüfteten Klippen, bis schließlich nur noch Mittelmeer vor mir liegt.

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Der Rückweg macht genausoviel Spaß, zurück nach Cadaqués, hinauf zum Coll de Perafita und links abbiegen Richtung Golf de Roses. Entlang der Küste geht’s hier erstmal nicht weiter, so zieht sich die Fahrt durch die weite Ebene, vorbei an der kuriosen Touristenstadt Empuriabrava mit der zweitgrößten Marina Europas, dank einem Kanalnetz von über dreißig Kilometern Länge kann jeder seine Jacht direkt vor der eigenen Haustür parken. Wie praktisch.

Erst auf Höhe Girona bieten sich wieder einige Bergstraßen an, vorbei am Puig de la Batería erreiche ich wieder die Küste, wo zwischen Sant Feliu de Guíxols und Lloret de Mar 30 Kilometer allerfeinster Kurvenzauber warten. Die im Internet gerne dramatisierte GI-682, die „Straße der 1000 Kurven“ schlängelt sich in unzähligen Kurven teils hoch über der malerischen Costa Brava, in der Tat fällt es schwer, sich zwischen Kurvengenuss und Ausblick zu entscheiden.

Als dann an der Strandpromenade von Lloret de Mar gar die Sonne durch die Wolken bricht, nutze ich die Gelegenheit zu einer Stärkung in einem der Strandcafés.

Der weitere Küstenverlauf zeichnet sich durch dichte, teils fragwürdige Bebauung aus – ich weiche wieder auf die Autobahn aus. Und wieder wie verhext, Richtung Barcelona werden die Wolken immer dunkler, starker Regen beim Durchqueren der Stadt auf der Ronda Littoral lassen jeden Gedanken an die geplante Stadtbesichtigung im Keim ersticken. Da hab ich nun Gilette im Vorfeld extra zum Befahren der Umweltzone registriert, jetzt bin ich stattdessen froh über die starke Vertunnelung der Strecke… Und klar – am Stadtrand von Barcelona angekommen verhöhnen mich die Wolken und stellen den Niederschlag ein.

Zum Glück lässt mich nach Passieren des Flughafens der Hinweis „Peatge“ die Autobahn verlassen, sonst wäre mir glatt der nächste malerische Küstenabschnitt entgangen. Zur Versöhnung nochmal feinstes Kurvengeschlängel entlang der felsigen Klippen bis nach Sitges, dort bin ich mit einem ehemaligen Kollegen verabredet und beschließe den Tag zwischen den gut frequentierten Tabernas der lebhaften Altstadt.

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21. Dezember

Der Tag beginnt zunächst sonnig, und wenn ich schon direkt an der Strandpromenade residiere, nutze ich die Gelegenheit für einen Frühspaziergang entlang derselben, bevor ich mich dem vielgelobten Brunchbuffet meines Hotels widme.

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Derart gestärkt starte ich die nächste Etappe nach Valencia. Die dichte Küstenbebauung lässt mich ins bergige Hinterland ausweichen, auch wenn dort die Wolken dichter werden. Richtung Süden soll das Wetter besser werden, daher versuche ich einen guten Kompromiss zwischen genussvollen Bergsträßchen und halbwegs zügigem Vorankommen zu finden. Nach dem Coll de la Teixeta, einem Übergang ins Ebro-Tal finde ich mich gar plötzlich in dichtem Nebel wieder, nebst zugehöriger erfrischender Temperaturen. Der lichtet sich erst, als sich das Flusstal in die weite Ebene des Ebro-Deltas öffnet. Ab hier bestimmen ausgedehnte Olivenhaine das Landschaftsbild. Irgendwann weist mich ein Schild am Straßenrand darauf hin, daß ich mit Überquerung des Greenwich-Meridians in der westlichen Hemisphäre angekommen bin. Den Oliven ist das egal.

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Da sich weiterhin in den Bergen die dunklen Wolken türmen, der sonnige Küstenstreifen aber wieder zunehmend dicht besiedelt ist, weiche ich mit Annäherung an Valencia mal wieder auf die AutoVia aus, die mich zügig ins Stadtzentrum bringt. Eindrucksvoll die breiten, schnurgeraden Avenidas im Stadtzentrum. Praktischerweise lassen sich hier jederzeit schon die nächsten zwei Dutzend Ampeln im Voraus überblicken. In überraschend kurzer Zeit habe ich mein Hotel im Hafenviertel erreicht, gleich um die Ecke genießt ein weiterer Kollege seine Rente – das Abendprogramm ist gesichert.
 
22. Dezember

Valencia wäre einen Extra-Tag wert – oder besser eine eigene Reise. Ich entscheide mich für Letzteres und folge der gewohnten Strategie, so weit in die Berge ausholen, wie das Wetter mitspielt. Kaum aus dem Stadtgebiet heraus, beeindrucken die Orangenhaine und -plantagen; wohin das Auge blickt, überall orange Tupfer an den Bäumen.

Mit jedem Höhemeter weichen die Orangenbäume einer zunehmend kargen Berglandschaft, kurvige Strecke, kein Verkehr, eine Hochfläche die jäh durch den Canyon des Júcar zerschnitten wird. Ein paar Kilometer folgt die Straße in spektakulärer Trassenführung dem Fluss und steigt dann wieder hinauf auf die noch ausgedehntere Hochfläche Muela de Cortes. Faszinierende Landschaften, ich verzettele mich in Nebenstraßen und muss anschließend die Zeit mit einer Autobahnetappe aufholen.

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Immer karger und trockener wird die Landschaft, je weiter ich nach Süden komme. Außer den Erhebungen auszuweichen, müssen die Straßen hier wenig Rücksicht auf die Topografie nehmen. Erst kurz vor meinem Ziel lockt wieder eine verwinkelte, sehr schmale Bergstrecke, die dank der Regenfälle der vergangenen Tage zudem mit überspülten Passagen auf dem ohnehin strapazierten Belag zur Vorsicht mahnt.

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Ganz spontan habe ich mich hier zwei Tage vor Weihnachten und unbekannterweise zu einem Forentreffen „eingeladen“, aus dem herzlichen Austausch vorab entwickelt sich ein wunderbarer Nachmittag, Gastfreundschaft par excellence gegenüber einem staubigen Motorradreisenden! Danke, @Jan13! Viel zu spät nehme ich Abschied und bewältige die letzte halbe Stunde zu meinem Hotel in Los Alcazares völliger Dunkelheit.
 
23. Dezember

Noch ein Tag bis Heiligabend, Andalusien kommt in Reichweite. Los Alcazares liegt am Mar Menor, einer 170 qkm großen Salzwasserlagune. An deren Ende liegt das Cabo de Palos, eine weiterer exponierter Punkt der spanischen Küstenlinie, den ich natürlich mitnehmen muss. Vom Leuchtturm bietet sich ein herrlicher Rundumblick über Mittelmeer und Lagune, sowie die 22km lange, dicht mit Hotel- und Apartmentanlagen bebaute Nehrung La Manga.

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Mich ziehts wieder in ursprünglichere Landschaften und folge der Küstenlinie Richtung Westen, vorbei an winzigen Dörfern und aufgelassenen alten Minen – und finde mich plötzlich, kurz vor Cartagena in einem Seitental versteckt inmitten ausgedehnter Raffinierieanlagen samt zugehöriger Hafenanlagen. Geruchsproben inklusive.

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Zum Glück kann ich diesem Industriegewimmel samt Schwerlastverkehr schnell über einen kleinen Pass entkommen, der mich mit schönem Ausblick hinunter nach Cartagena führt.

Geplant ist den mitten in der Stadt gelegenen Cerro de la Concepciòn mit seinen 68m Meereshöhe zu erklimmen, dort sollte es einen schönen Ausblick über Altstadt und Hafen geben. Leider endet die Zufahrtsstraße auf halber Höhe unvermittelt an einem geschlossenen Tor ohne nennenswerte Wendemöglichkeit, einige Mietwagenlenker sind hier mit Umdrehen sichtlich überfordert. Kein Problem für Gilette, und wenige hundert Meter zurück kann ich sie an einem kleinen Platz in der Altstadt neben Artgenossen parken. Dann eben zu Fuß.

Statt des schnellen caffe solo ergibt sich ein ausgedehnter Altstadtbummel durch die idyllischen Gassen, die monumentale Krippe auf der Plaza de San Francisco, das römische Amphitheater und vieles mehr. Sehenswert!

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Der Weg aus dem Stadtgebiet hinaus zieht sich wie immer, dafür entschädigt anschließend die Streckenführung durch die Gebirgsausläufer zur Costa Calida. Und obwohl die Zeitplanung schon wieder hinkt, dem Abzweig in die knappe zehn Kilometer lange spektakuläre Stichstraße zu den Festungsanlagen des Cabo Tiñoso kann ich nicht widerstehen. Eine rumpelige Piste führt zum letzten Dorf, danach schlängelt sich eine überraschend gute, schmale und kurvige Bergstraße bis zu den Batterien am Kap. Erst 1993 stillgelegt, bieten die zum Schutz von Cartagena errichteten, heute frei zugänglichen Festungsanlagen fantastische Aus- und Einblicke. Die beiden großen Geschütze aus englischer Produktion sollen bis zu 35km Reichweite gehabt haben.

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Wieder einmal bewährt sich die Strategie, Unterkünfte kurzfristig zu suchen, denn nach all diesen Besichtigungen wird es heute nicht mehr nach Andalusien reichen. Mit eben mal gut 160 zurückgelegten Kilometern, aber jeder Menge Eindrücke beende ich diese Etappe spontan kurz vor Sonnenuntergang am Yachthafen von Aguilas und frage im Hotel Senator nach einem Zimmer. Übernachtung mit Meerblick, Sonnenuntergang am Strand, passt.

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24. Dezember

Weihnachten in Andalusien – nach wenigen Kilometern begrüßt mich die südlichste Autonome Gemeinschaft Spaniens mit einer grandiosen Küstenstraße. Bei Mojacar verlasse ich die Küste und will herausfinden, wieviel „Berg“ in Andalusien an Weihnachten so möglich ist.

Inzwischen bin ich in der Region angekommen, in der ich bereits im März unterwegs war, der Wiedererkennungswert ist hoch in den Ausläufern der Sierra de los Filabres. Dennoch versuche ich in der Vielzahl der Bergstraßen eine neue Auswahl zu treffen, die dichter werdende Bewölkung gilt es ohnehin im Blick zu behalten – frei nach dem geflügelten Wort „caminante, no hay camino, se hace camino al andar“ entsteht die Route erst beim Befahren.

So fasziniert schon aus der Ferne das weithin sichtbare, markant auf einem Gipfel gelegene Santuario de Monteagud. Ein Blick auf die Karte, sollte über eine befestigte Stichstraße anfahrbar sein, wenngleich es in 1300m Höhe ziemlich frisch werden dürfte.

Der Abstecher lohnt sich, das Sträßchen ist ein Traum, und der 360-Grad-Blick überwältigend. Der Wind allerdings auch bei niedrigen einstelligen Temperaturen.

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Kaum einen Kilometer östlich ist unterhalb des Santuario bereits die nächste Paßstraße zu erkennen, es gibt eine Fahrspur dorthin, die, soweit von oben einsehbar, trocken und befahrbar aussieht. Planänderung, zwei Kilometer unbefestigt bergab statt sieben Kilometer den selben Weg zurück, die Route entsteht beim Befahren. Was sich die just entgegenkommende Endurogruppe angesichts der bekofferten GS denken, bleibt deren Geheimnis.

So geht es auch diesmal hinunter zu den Marmorsteinbrüchen von Cóbdar, um anschließend auf der gut ausgebauten Straße über den Collado Garcia wieder auf die Südseite der Berge zu wechseln. Inzwischen haben sich die Wolken soweit verdichtet, daß ich hier und da einen Schauer streife. Obwohl die Passabfahrt in weiten Kurven zügig zu fahren ist, Gilette ist die Straße einfach zu breit. Recht hat sie, also nehmen wir den nächsten Abzweig, der sich entlang der Berghänge zum malerischen Dörfchen Senés schlängelt. Von hier scheint es sogar eine Verbindung direkt zum Ort Velefiques geben, allerdings bremsen die schwarzen Wolken derlei Abenteuerlust.

Stattdessen wende ich mich nach Süden ins wolkenarme blaue Loch der Wüste von Tabernas, genau passend um dem grummelnden Magen einen Stopp im „Route 66“ zu gönnen.

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Frisch gestärkt lasse ich Gilette durch die atemberaubende Wüstenlandschaft Richtung Almería bollern, die von der späten Nachmittagssonne eindrucksvoll beleuchtet wird. Welch eine Kulisse. Und auch beim letzten Abstecher zu den Thermalquellen der Sierra Alhamilla mit dem maurischen Badehaus lohnt jeder Kilometer. Am Ende der Sackgasse lockt spontan ein alternativer Rückweg über eine steile Schotterpiste, auf halbem Wege breche ich dann aber doch ab – um womöglich eine Piste durch ausgetrocknete Flussbetten bewältigen zu müssen wird es mir allmählich zu spät, und in das angrenzende militärische Sperrgebiet möchte ich erst recht nicht versehentlich eindringen.

So wird es bereits dunkel, als ich Almería erreiche, wo ich für die nächsten zwei Tage mein Weihnachts-Basislager aufschlage. Es ist Heiligabend, mäßige 12 Grad und in der Innenstadt pulsiert das Leben. Ganz Almería scheint heute Abend unterwegs zu sein, die Menschen sind allesamt festlich von elegant bis aufsehenerregend gekleidet – Weihnachten findet heuer draußen statt.

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25. Dezember

Der verlängerte Aufenthalt im Nuevo Torreluz ist nicht nur dem Weihnachtsfeiertag geschuldet, auch nach den Wetteraussichten ist die Region Almeria das derzeit am wenigsten kalte und am wenigsten regnerische Gebiet Andalusiens. Auch wenn die erhofften sonnigen 20 Grad in weiter Ferne liegen.

Zudem fragt Gilette allmählich nach neuen Schuhen. Meine Schwabenseele brachte es mal wieder nicht übers Herz, die pfennigguten Heidenaus vor der Tour vorzeitig zu wechseln und dann die neuen Reifen auf französischen Autobahnen gleich mal eckig zu fahren. Bis Katalonien sollten die alten Pneus allemal reichen, und überraschenderweise halten sie sich weit besser als erwartet. Vielleicht hilft mir der hiesige BMW Motorrad Concesionario Oficial nach dem Feiertag weiter.

Apropos Feiertag, in Spanien gibt es nur einen Weihnachtsfeiertag am 25. Dezember, der wird allerdings derart konsequent eingehalten daß eine Stadtbesichtigung müßig scheint. Selbst die Alcazaba bleibt geschlossen.

Derart kulturell eingeschränkt, bleibt dann eben nur noch die Flucht ins Umland. Auf zwei Rädern.

Mit der Vormittagssonne im Rücken bietet zunächst die zerklüftete Küste nach Westen ein tolles Panorama, bis in der anschließenden Küstenebene die Gewächshausdichte überhand nimmt. Mar del Plástico, ein zweischneidiges Thema, kaum ein halbwegs ebenes Fleckchen, das nicht unter Plastik verschwindet, aber der Obst- und Gemüsehunger Europas ist groß und die Böden Andalusiens ohne Nachhilfe zu karg und zu trocken.

Ich schlage mich jedenfalls nach Norden in die Sierra de Gador, der Mirador Monte de Carmen steht als lohnenswertes Ziel auf meiner Liste. Ist er, sowohl das Ziel als auch die Anfahrt zu diesem entlegenen Aussichtspunkt.

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Auch die weitere Route nach Norden bleibt ein Traum, hinunter ins Tal des Rio Andarax, über die östlichsten Ausläufer der Sierra Nevada, Kurve um Kurve arbeite ich mich wieder an die Sierra de los Filabres heran, deren schneebedeckte Hänge immer häufiger in der Ferne aufblitzen. Wenn die Wolken gerade gnädig sind, zeigen sich sogar die Observatorien des Calar Alto am Horizont.

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Die dürften heute auf der Straße unerreichbar bleiben, aber ähnlich wie gestern hangele ich mich auf der Südseite des Gebirges entlang, bereits der Alto de Castro de Filabres bringt mich, wie ungemein passend, auf 1250m und zu dem einen oder anderen Schneerest in den schattigen Kehren.

Da steigt die Vorfreude auf ein paar Grad wärmer in der Wüste von Tabernas. Als ich jedoch die Hauptstraße erreiche, rechts Tabernas, links Velefique… kann ja mal kurz schauen, wie viele Kehren des „Stelvio von Andalusien“ heute befahrbar sind.

Die Ortschaft Velefique ist schnell erreicht, der Pass ist nun nicht gerade als offen gekennzeichnet, aber auch nicht gesperrt, unterhalb der Schneegrenze sind die Kehren trocken und gut befahrbar. Velefique an Weihnachten, nicht schlecht.

Leider endet der Spaß knapp dreihundert Meter unterhalb der Passhöhe, als die Straße im schützenden Wald unvermittelt komplett schneebedeckt ist, hier ist heute Ende. Immerhin.

Bergab ist der Spaß ja nicht weniger groß, und jedes Grad wärmer ist ein zusätzlicher Bonus.

Richtung Almería gibt es nun den gestrigen, direkten Weg rechts um die Sierra Alhamilla herum, aber dafür ist der Tag eigentlich noch zu jung. Linksherum ist Neuland, die AL-102 nach Níjar sieht auf der Karte aus wie ein direkter Angriff auf die Reifenflanken. Also linksherum.

27km Kurve an Kurve, bergauf, bergab, kein Verkehr, dafür Panorama satt wenn der Blick mal in die Ferne schweifen darf. Jedenfalls links, rechts wird das Panorama zusehends von schwarzen Wolken getrübt, die mich aber freundlicherweise den Kurvengenuß bis zum Ende auskosten lassen. Erst am Stadtrand von Níjar öffnen sie ihre Schleusen, halt, ich hatte hier diesmal gar kein Sightseeing geplant, das schauerlich zu verhindern wäre.

10km auf der Autovia del Mediterráneo bringen mich zügig von den Bergen weg in trockene Gefilde, doch droht inzwischen ringsum verstärkte Schauertätigkeit, so daß eine Rückfahrt nach Almería angeraten ist. Cabo de Gata muss warten. Der Heimweg entlang der Küste bietet landschaftlich nicht allzu viel, bleibt aber trocken und immerhin kann ich unterwegs noch eine Weihnachtstorte im Strandlokal von Costacabana auflesen.

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Ach ja, da Almería dann doch vom Regen verschont bleibt, ist mir anschließend ein Spaziergang auf den Cerro San Cristóbal vergönnt, mit grandiosem Ausblick auf die Alcazaba de Almería. Obwohl sie am Weihnachtsfeiertag geschlossen hat.

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26. Dezember

Ungeachtet dessen, ob Gilettes Shoe-Shopping vulgo ein Reifenwechsel heute zustandekommt, die Großwetterlage legt nahe, die Region Almeria noch nicht zu verlassen. So erkundige ich mich an der Rezeption des Nuevo Torreluz nach einer Verlängerung. Leider alles komplett ausgebucht. Aha. Hm. Muss wohl Nasenfaktor sein, fünf Minuten später habe ich eine Buchungsbestätigung über Booking.

Weniger Erfolg habe ich beim Concesionario Oficial, der genießt wohl den Brückentag. Egal, andere Läden haben auch schöne Schuhe, so sehr drängt es nicht.

So hole ich heute nach, was gestern der Regen verhindert hat: den Naturpark Cabo de Gata, der laut Wikipedia trockenste Ort Europas. Sah gestern anders aus.

Ich beginne ganz im Süden am Faro de Cabo de Gata, und tatsächlich, heute trübt kein Wölkchen den blauen Himmel, nach Nordwesten reicht die Sicht bis zu den schneebedeckten Höhen der Sierra de Los Filabres und der Sierra Nevada. Und das bei Temperaturen, die inzwischen ernsthaft die 20-Grad-Grenze antesten.

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Da das weiterführende Sträßchen entlang der Südostküste für den motorisierten Verkehr gesperrt ist, geht es zunächst zurück, vorbei an den Salinen zur Ortschaft Cabo de Gata und auf der Rückseite der Berge nordostwärts. Diesmal nehme ich nicht die asphaltierte Straße in die alte Goldminenstadt Rodalquilar, sondern die Schotterstrecke quer durch die Berge. Auf dem Weg liegt das verlassene Bergbaudorf San Diego mit dem kuriosen, durch einen gehauenen Tunnel erreichbaren Aussichtsbalkon.

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Wenige Schotterkilometer weiter erreiche ich die Ruinen der „Planta Denver“, der ehemaligen Goldgewinnungsanlage, ein faszinierender Lost Place am Rande von Rodalquilar.

Die Zufahrt zum Aussichtspunkt Cerro de los Lobos hoch über der Steilküste wenige Kilometer von Rodalquilar bleibt mir leider durch Absperrung verwehrt, so folge ich dem Straßenverlauf landeinwärts über Carboneras zum abenteuerlichen Anstieg auf den Mirador de la Granatilla, der gleichzeitig das Nordende des Naturparks Cabo de Gata markiert.

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Auf dem Rückweg Richtung Westen holt mich ein, was ich zwei Tage zuvor vermieden habe – das von Kurviger vorgeschlagene „kurvige“ Routing beinhaltet überraschend gleich mehrere Segmente, wo die ansonsten halbwegs befestigte Straße mal mehr, mal weniger eindeutig in ausgetrockneten Flussbetten verläuft. Keine Gegend für tiefergelegte Musclecars.

Durch das Mar de Plástico erreiche ich schließlich wieder Níjar, und dank des heute ungleich besseren Wetters beschließe ich, gleich noch einmal die AL-102 in Gegenrichtung unter die Räder zu nehmen. Auch heute habe ich die Strecke fast für mich allein, am Ende bin ich so kurvenschwindlig, daß die vertraute Strecke ab Tabernas ein willkommen entspanntes Heimrollen ist.

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27. Dezember

Adiós, Almería!

Tagesaufgabe heute: das gute Wetter bestmöglich ausnutzen und der von Westen heranziehenden Regenfront - ohne nass zu werden - so weit entgegenfahren, daß diese mich heute Nacht passiert und ich morgen trocken weiterfahren kann…

Los geht es wieder mit der herrlichen Küstenstrecke nach Aguadulce, bevor ich im Mar de Plástico zwischen Roquetas del Mar und El Ejido versinke. Zumindest mal eine interessante Erfahrung, hautnah zwischen den Gewächshäusern hindurchzukurven. Dennoch nutze ich die erstbeste Gelegenheit, nach Nordwesten in die Alpujarras zu wechseln, bald schon zeigt sich die schneebedeckte Sierra Nevada voraus. Erstes Ziel ist heute das auf fast 1500m gelegene Trevélez, dessen ausgeglichenes Mikroklima der Lufttrocknung des Jamón Ibérico besonders zuträglich sein soll.

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Der Weg dorthin ist jedenfalls Gilette und mir besonders zuträglich, vor grandioser Bergkulisse windet sich die Straße immer höher entlang der südlichen Berghänge der Sierra Nevada, bis sie schließlich in das tief eingeschnittene Tal von Trevélez abknickt, an dessen Ende die weißen Häuser der Ortschaft mit der hoch darüber liegenden Schneekuppe des Pico de Mulhacén, des höchsten Gipfels des spanischen Festlands, um die Wette gleißen.

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Richtig kalt ist es hier oben, in den schattigen Passagen lauern durchaus noch Schneereste, doch die Sonne scheint in der herrlich klaren Gebirgsluft so intensiv, daß der lokale Schinken bei der obligatorischen Verkostung auf der Aussichtsterrasse einer kleinen Taverne gleich nochmal so gut schmeckt.

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Nur ungern raffe ich mich auf, dieses Bergidyll wieder zu verlassen, doch liegen noch etliche weitere aussichtsreiche Kurvenkilometer vor mir, bis die Alpujarras am Westrand der Sierra Nevada enden.

Den Großraum Granada umfahre ich auf der Autobahn, schade, aber da die Stadt der Alhambra morgen im Dauerregen versinken soll, muß ich dieses Highlight wohl vertagen.

Entsprechend der hoffentlich zutreffenden Regenprognose hole ich weiter nach Nordwesten aus, durch den Nationalpark Sierras Subbéticas bis nach Cabra am Westrand der gleichnamigen Sierra da Cabra. Und der Tagesplan geht auf, aus den in den letzten Stunden dichter gewordenen Wolken fallen die ersten zaghaften Tropfen, als ich Gilette auf dem Parkplatz des Hotel Fuente de las Piedras abstelle.
 
Zuletzt bearbeitet:
28. Dezember

So ganz ist der Regen bis zum Frühstück noch nicht durchgezogen, aber die Aussichten sind gut, nach einem relaxten Brunch den Regen schnell hinter mir zu lassen. Schließlich ist heute Sonntag.

Richtung Südwest, Richtung Costa de la Luz legt mir die Wetterapp nahe, passenderweise liegt da auch die Sierra de Grazalema auf dem Weg. Die namensgebende Ortschaft Grazalema ist zwar laut Wikipedia der regenreichste Ort Spaniens, aber da muss ich ja nicht genau durchfahren.

In der Tat hört der letzte Nieselregen bald auf, und bis ich bei Estepa die ersten Erhebungen erreiche, zeigt sich auch die Sonne wieder. Immer Kurs Südwest geht es durch kleine idyllische Ortschaften, allesamt gespickt mit unzähligen leuchtenden Orangenbäumen.

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Hier gibt es keine Ortsumfahrungen, hier rollt der kaum vorhandene Verkehr direkt durchs Dorfzentrum über den Kirch- oder Marktplatz, oft genug auf Pflastersteinen statt Asphalt.

Über die Staumauer der Embalse de Zahara erreiche ich die gleichnamige Ortschaft, das Tor zur Sierra de Grazalema. Hier beginnt eine wunderbare Passstrecke über den Cerro de Coros mit dem Aussichtspunkt Mirador de las Palomas.

Heute kaum befahren, dürfte das zur Saison in diesem Wandergebiet mit der 400m tiefen Schlucht Garganta Verde völlig anders aussehen.

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So genieße ich ungestört die Kurven über den Pass, lasse Grazalema aus genannten Gründen links liegen und verlasse die Berge Richtung Westen.

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Für heute habe ich im Hotel Los Olivos in Arcos de la Frontera gebucht, das sich nach Ankunft als wahres Kleinod entpuppt. Einige wenige Zimmer um einen maurischen Innenhof arrangiert, ein großer abgeschlossener Parkplatz für Gilette, und das inmitten der exponiert auf einem steilen Felsen gelegenen historischen Altstadt.

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29. Dezember

Blauer Himmel und Sonnenschein über Arcos de la Frontera, der ideale Tag um …

shoppen zu gehen.

Gut dreißig Kilometer sind es bis Jerez de la Frontera, mal schauen was der dortige Freundliche anzubieten hat. Die Distanz will ich zügig über die Autobahn bewältigen, was sich als gute Wahl herausstellt als ich auf halber Strecke unvermittelt in dichten Nebel gerate. Samt den zugehörigen Temperaturen, gerade mal 4, 5 Grad zeigt das Display. Der Nebel löst sich auch in Jerez nicht auf, wenigstens wird die Sicht in der Stadt etwas besser. Den Freundlichen finde ich jedenfalls, vorrätig hat er nichts, Heidenau bekommt er auch nicht, aber Contis Trail Attacks kann er bis morgen besorgen. Prima, auf den CTA3 hat Gilette seinerzeit Sommeiller, Jafferau und Parpaillon bewältigt, so wild bin ich hier sowieso nicht unterwegs. Wir vereinbaren den Reifenwechsel für morgen 14 Uhr, das reicht für den geplanten Abstecher nach Tarifa.

Rund 120 Kilometer einfache Strecke, da kann ich es ruhig angehen lassen, da sich der Nebel allmählich auflöst, starte ich zuächst nach Cádiz. Die ursprünglich auf einer Insel gelegene, der Legende nach von Herkules gegründete Stadt ist heute über eine Landzunge und zwei Brücken erreichbar. Die auf der Karte noch übersichtlich wirkende Altstadt erschlägt mich geradezu mit überaus geschäftigem Gewusel aus Vierrad-, Zweirad- und Fußgängerverkehr. So belasse ich es heute bei einer Stadtrundfahrt entlang der wunderschönen und architektonisch reizvollen Uferpromenade und bin geradezu erleichtert, als ich wieder in ländlichere Gegenden komme. Entlang der Küste stoppe ich auf historischem Boden am Kap Trafalgar, vor dem Lord Nelson 1805 mit seinem Sieg über die französisch-spanische Flotte die Vorherrschaft der Royal Navy begründete, wenn auch unter Verlust seines eigenen Lebens.

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Der Weg zum Leuchtturm ist komplett versandet, was weniger ein Problem darstellt als die geschlossene Schranke, so bleibts beim Erinnerungsfoto aus der Ferne.

Im weiteren Verlauf schließt sich südlich von Zahara de los Atunes eine immer exklusiver werdende Villensiedlung an, die sich trotz allem Optimismus am Ende als die Sackgasse entpuppt, als die sie auf der Karte ausgewiesen ist, auch wenn nur wenige hundert Meter zur weiterführenden Straße fehlen. Die Beschilderung ist leider eindeutig und die umliegenden Militärgelände verleihen dem überzeugend Nachdruck. Also zurück und in großem Bogen auf die Zielgerade nach Tarifa, das sich als unerwartet nettes Städtchen entpuppt.

So stehe ich kurz darauf auf der Landzunge vor der abgesperrten Isla de Tarifa und somit endlich am südlichsten Festlandspunkt Europas, vor mir – in 14km Entfernung zum Greifen nahe – Afrika mit der marokkanischen Küste, rechts brandet der Atlantik, links das Mittelmeer.

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Angesichts des regen Fährverkehrs nach Tanger blitzt kurz der verwegene Gedanke auf, den angekündigten Regenfronten der nächsten Tage nach Marokko auszuweichen. Abgesehen davon, daß ich dafür völlig unvorbereitet bin, belehrt mich auch der Blick auf die Wetterkarte eines Besseren, in nördlichen Marokko sieht es keineswegs freundlicher aus. Afrika – ein andermal.

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Immerhin, vor 3 Monaten am zweitsüdlichsten Punkt, Kap Tenaro am Peloponnes, vor 6 Monaten an der Pointe de Corsen in der Bretagne, und 10 Monate davor am Nordkapp – Gilette kommt schon rum in Europa.

Zumindest ist dies eine Stärkung in der Altstadt von Tarifa wert.

Dabei kann ich gleich die Übernachtungsplanung angehen, nach dem Los Olivos in Arcos kann ich im ähnlich exponiert gelegenen Vejer de la Frontera noch eine Schippe drauflegen, das Convento San Francisco, einem ehemaligen Kloster wiederum inmitten der Altstadt.

Der Weg dorthin bietet wenig Variationsmöglichkeit gegenüber dem Hinweg, allerdings diesmal ohne den Villenzauber, ich halte mich mehr im Landesinneren und genieße die umgekehrte Perspektive im Abendlicht. Mit Einbruch der Dunkelheit erklimme ich den steilen Anstieg nach Vejer de la Frontera, irre ein wenig durch die Einbahngassen bis ich an einem zentralen Platz das Convento erreiche. Parkplatz mit Panorama für Gilette, ein rustikales, aber komfortables Klosterzimmer für mich, und ein lauer Abend zum Schlendern durch die Tapasbars.
 
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