Sägezahn und Co. Ein paar theoretische und praktische Grundlagen zum Phänomen Sägezahn.

elfer-schwob

Boxer-Schrauber
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„Sägezahn am Vorderreifen kommt vom Spätbremsen in Kurven. Hauptsächlich links und rechts der Reifenmitte.
Sägezahn am Hinterrad kommt vom Bremsen und Beschleunigen vor/in/nach Kurven. Und das auf der ganzen genutzten Reifenbreite.“


Alles anscheinend ganz einfach und logisch!
Und genau so immer wieder eindeutig festgestellt und diagnostiziert.

Tatsächlich steckt weit mehr hinter diesem Phänomen und ich will versuchen, ein wenig aufzuhellen.
Die unten angehängten "Hand-CAD-Skizzen" zeigen immer das Motorrad von hinten.

Ausgangsbetrachtung sei ein ideales (theoretisches) Motorrad mit einer Reifenbreite von Null mm.
Kontakt mit der Straße im Stand ist dann genau ein Punkt, der beim Fahren in genau einer Linie um den Reifen führt. Völlig unabhängig, ob geradeaus oder in Kurven gefahren wird.(Siehe Bild 1)
Daß bei diesem „Reifen“ die Profilblöcke beim Bremsen nach hinten und beim Beschleunigen nach vorne gezogen und verformt werden, ist einfach nachvollziehbar.

In der Kurve muß der „Reifen“ die Zentripetalkraft aufbringen, um der Zentrifugalkraft, die am Schwerpunkt des Moped angreift und das Gefährt vom Kurvenzentrum nach außen zieht, entgegenzuwirken. Dadurch wird der Reifen verformt, (siehe Bild 2).
Folge auch hier völlig logisch: Die Profilblöcke werden zur Reifenflanke Richtung Kurvenzentrum gezogen und verformt abgefahren.

Wenn man sich diese beiden Vorgänge verinnerlicht, kann das Entwickeln eines Reifenprofils, das diesen absehbaren Kräften Rechnung trägt, doch nicht so schwierig sein.
Und auch klar: die obige These vom Sägezahn durch Spätbremsen in Kurven haut hin...

In der Praxis gibts aber keinen Reifen mit Null mm Breite, es kommen also noch weitere wichtige Faktoren hinzu.

Betrachtet sei zunächst ein theoretischer Holzreifen mit dem Querschnitt eines echten Reifens - also tatsächlich aus Hartholz, der naturgemäß wenig Grip aufbringen würde - dann ändert sich an dem obigen Beispiel nicht viel, außer, daß der Aufstandspunkt bzw. die Umlauflinie in Kurven zur Reifenflanke Richtung Kurvenzentrum wandert. (Siehe Bild 3).
Das bringt jetzt auch nicht viel Neues i. Vgl. z. obigen Reifen mit Null mm Breite.

Beim Luftreifen kommt ein bisher nicht beachteter, neuer Faktor hinzu: der Latsch.
Das heißt, der Pneu liegt nicht punktförmig auf der Fahrbahn auf - wie in den theoretischen Betrachtungen oben - sondern er verformt sich durch das Gewicht des Gefährts, wird elliptisch abgeplattet und liegt flächig auf und „verzahnt“ sich dort mit der Fahrbahnoberfläche. Je nach Reifenbreite/Radgröße/Luftdruck überschlägig in Handflächengröße. (Siehe Bild 4)

Betrachtet man die Mittellinie der Ellipse des Latsches aus Ausgangsachse, dann paßt der Reifenumfang links und rechts davon, bedingt durch den „runden“ Reifenquerschnitt nicht mehr zur Umlaufgeschwindigkeit der gedachten Mittelachse.
Bei Geradeausfahrt ist der Reifendurchmesser und -umfang links und rechts der Mitte kleiner als in der Mitte. Heißt, die Profilblöcke links und rechts der Mitte werden in die Länge gezogen (nach hinten).
Oder, je nach Stabilität des Gummis bzw. Profils in diesem Bereich, auch umgekehrt:
Also die zu lange Mitte wird auf den Reifendurchmesser an beiden Außenränder des Latsches „gekürzt“, bzw. gestaucht.
Die einfache Folge ist, auch ein lastlos geradeaus laufender Motorradreifen - also ohne Bremsung bzw. Beschleunigung - verschleißt mittig relativ schnell, weil der Reifen an seiner Aufstandsfläche nicht kraftfrei aufliegt, sondern ständig in sich verzerrt wird, was logischerweise Gummi abträgt.

In Kurven ist der Reifendurchmesser und -umfang am kurveninneren Rand des Latsches deutlich kleiner als auf der Mittelachse des Latsches und am kurvenäußeren Rand größer als dieser. Die Profilblöcke der Kurveninnenseite des Reifens werden also in die Länge gezogen und die der Kurvenaußenseite i Vgl. z. Latschmitte gleichzeitig gestaucht. Dies ergibt einen gewissen Rotationseffekt an der Aufstandsfläche mit entsprechender Schmirgelwirkung. Ähnlichen Effekt hätte eine bei stehendem Reifen seitlich und flächig angehaltene langsam laufende Flex-Scheibe mit grober Körnung.

Auch dieser Effekt ist unabhängig von Beschleunigung bzw. Abbremsung vorhanden und ergibt sich rein aus der Kurvenfahrt. Natürlich geschwindigkeitsabhängig!

Daß die späte Bremsung in Kurven bzw. die Beschleunigung diese grundsätzlich schon vorhandene Schmirgelwirkung der Fahrbahn am Reifen noch zusätzlich überlagern, ist einfach nachzuvollziehen.
Aber sie sind eben nur Kriterien unter vielen weiteren.

Reifenmarke, Reifentyp, Gummimischung, Profilgestaltung, Luftdruck, Fzg-Gewicht, Fahrgeschwindigkeit, Griffigkeit des Belags, Kurvigkeit der Fahrtstrecke, Gashand, Gleichmäßigkeit u. v. a. m. sind also Trumpf.

Mein Fazit:
Der Eine hat Sägezähne, der Andere beim gleichen Reifen und Moped nicht oder erst wesentlich später. Daher helfen m. E. nur Selbstversuche nach dem geeigneten Reifen, weil die Erfahrungen anderer Fahrer aufs eigene Fahrerprofil nicht sinnvoll übertragbar sind.
 

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Sägezahn hängt auch vom Belag und der Beladung ab.
Kroatische Küstenstrasse, mit Sozia eher verhalten am Gas und max. 45 Grad Schräglage.
20260929_161354.jpg



Solo mit über 50 Grad Schräglage und etwas flotter auf heimischen Asphalt. Schaut wesentlich ruhiger aus.
20260910_122356.jpg
 
Trifft zu! Steht ja auch oben.

In Deinem 1. Bild schön zu sehn:
Die abgefahrenen Würstle und Schuppen werden nach hinten gezogen (an der im Bild sichtbaren Oberseite des Rads natürl. nach vorne).
Eben weil der Reifenumfang auf der Kurveninnenseite zu kurz für den durchschnittlichen Latsch-Umfang ist und die innere Reifenoberfläche vom Supergrip des Alphalts in die Länge gezogen wurde.

Kämen die Würstle vom starken Beschleunigen, dann würden sie nach vorne abstehn...

Wobei ich hier eigentl. noch keinen Sägezahn erkennen kann.
 
Gude,
zu den "Würstle"; beim CTA3 habe ich dieses 1. Bild wenn ich mit Sozia fahre, solo sieht's dann aus wie auf den 2. Bild.
Ich fahre solo wie zu zweit identisch.
Und das auf identischen heimischen Straßen, das hat nichts mit dem Fahrbahnbelag zu tun sondern ist Beladungsabhängig und bei hohen Temperaturen ausgeprägter als bei niedrigeren Temperaturen.
Sägezahn sehe ich auch nicht wirklich, die kleine hochstehende Wulst ist Conti typisch.
Richtig viel Sägezahn hatte ich vorne wie hinten beim MTN II.

Foto vom Sonntag nach ganz normaler Tour zu zweit;

20260927_160035.jpg20260927_160103.jpg
 
Je schwerer die Beladung, je niedriger der Reifendruck, desto breiter der Latsch.
Je breiter der Reifen, je wärmer und rauher der Asphalt und je schräger die Schräglage desto Würstle...
Alles hängt mit allem zusammen.

Bremsen und beschleunigen sind da wohl eher Randthemen.
 
Deine ausführliche Erklärung finde ich durchaus nachvollziehbar – vor allem dein Fazit, dass beim Sägezahn doch einiges mehr zusammenspielt als nur Bremsen und Beschleunigen.

Genau deshalb würde ich den Satz „Sägezahn am Vorderreifen kommt vom Spätbremsen in Kurven“ etwas relativieren.
Ich bin nämlich eher der Typ „Spätbremser – oder besser gesagt fast Nichtbremser“ und bremse eigentlich kaum in die Kurve hinein. Trotzdem habe ich beim CTA3 ab einer gewissen Laufleistung regelmäßig Sägezahn am Vorderreifen.

Was bei mir allerdings zutrifft: Ich fahre durchaus zügig in die Kurven und lenke auch entsprechend zügig ein. Daher stellt sich für mich die Frage, was genau mit „Spätbremsen in Kurven“ gemeint ist. Wenn damit kräftiges Bremsen bis tief in die Schräglage gemeint ist, passt das zu meinem Fahrstil eher nicht.
Wenn dagegen auch das zügige Einlenken und die dabei entstehenden Kräfte bzw. Reifenverformungen eine Rolle spielen, würde das wiederum gut zu deiner späteren Erklärung passen.

Meine Erfahrung mit dem CTA3 zeigt jedenfalls: Spätbremsen ist offenbar nicht zwingend notwendig, damit Sägezahn am Vorderreifen entsteht.
 
Je schwerer die Beladung, je niedriger der Reifendruck, desto breiter der Latsch.
Je breiter der Reifen, je wärmer und rauher der Asphalt und je schräger die Schräglage desto Würstle...
Alles hängt mit allem zusammen.

Da bin ich wie gesagt anderer Meinung.
Dieses Jahr habe ich auf der K25 drei verschiedene Reifensätze gefahren, MAA, PST II und aktuell den CTA 3.
Fahrstil immer gleich, zu 80% auf identischen Straßen.
Ich bremse wenig bis gar nicht in Kurven rein.

MAA null Sägezahn, hat vorne 11500 km gehalten
PST II null Sägezahn, dafür aber auch nach 6500 km vorne fertig, hinten noch für 1500 gut
CTA 3 bildet nach ca. 2/3 der Laufleistung vorne leicht Sägezahn, hinten siehe Fotos oben, 8000 km.
Foto von vorne habe ich aktuell keines, da ist aber noch alles OK. Der hält ja sehr lange und fängt erst spät mit dem Sägezahn an.

Den CTA 3 fahre ich als dritten oder vierten Satz auf meinem Rotax Eintopf, der Vorderreifen bildet dort ebenfalls nach etwa 60% der Laufleistung sehr ausgeprägte Sägezähne an der Flanke, und mit der F bremse ich praktisch nur vor einer roten Ampel oder Stopschild.
Andere Reifen hatten auf der F keinerlei Sägezähne.

MAA hinten nach 8500 km, schön rund, ganz leichte Wulstbildung am vorderen Ende des äußeren Profilblocks:
20250928_171720.jpg

Vorne:
20250928_153627.jpg

Pirelli:
20260621_170023.jpg
20260621_170042.jpg
 
Alles anscheinend ganz einfach und logisch!
Und genau so immer wieder eindeutig festgestellt und diagnostiziert.
Ich bewundere die Mühe, die Du Dir gegeben hast, das vielleicht schwer verständliche Phänomen zu erläutern.
Dabei wäre es ja auch möglich gewesen, einfach auf Wikipedia zu verweisen:
Etwas kürzer wird da wohl im Wesentlichen das Gleiche gesagt.

Zusätzlich wird aber wird dort aber auf die Sägezahnbildung bei Stollenreifen eingegangen, für eine GS vielleicht nicht ganz unwesentlich, wenn relativ grobstollige Reifen gefahren werden.

Ansonsten wundere ich mich etwas über Aussagen Anderer, die meinen, dass eine Sägezahnbildung nicht immer auftreten würde. Dabei beginnt die Wikipedia doch ihren Abschnitt zu Motorradreifen mit dem Satz:
Bei Motorradreifen ist Sägezahnbildung eine ganz normale Abnutzungserscheinung und stellt keinen Mangel dar.
Die Sägezahnbildung tritt also immer auf, aber wegen der vielen Einflussgrößen nicht unter allen Umständen gleich stark.
Ich tue mir oft schwer, bei bloßem Hinsehen oder in Aufsicht-Fotos den Sägezahn überhaupt zu erkennen - vielleicht geht das Anderen auch so. Geht man aber mal ans Messen des Reifenprofils, wird man feststellen, dass eine Profilrille eines gebrauchten Reifens an der einen Flanke eine andere Profiltiefe hat als an der gegenüberliegenden Seite, was für das Messen bedeutet, den Mittelwert bilden zu müssen oder das Werkzeug gleich zur Schräge des Sägezahns ausgerichtet aufzusetzen. Schaut man von der Seite in die Profilrille, sollte man die Asymmetrie aber schon erkennen.
 
Genau deshalb würde ich den Satz „Sägezahn am Vorderreifen kommt vom Spätbremsen in Kurven“ etwas relativieren.
Diese Eingangsthese hatte ich ja in meinem Beitrag zu entkräften versucht.
Evtl. konnte ich das nicht ausreichend rüberbringen?

M. E. hat Sägezahn tatsächlich niGS - oder nur sehr randständig - mit dem Spätbremsen zu tun.

Einer hat Sägezahn ausschließlich mit dem Reifen X, der Andre damit nie oder nur mit dem Reifen Y, ein Dritter hats mit jedem Reifen.

Daß Enduroreifen mit einzelnstehenden, kurzen, hohen Profilblöcken, wie es zB der alte TKC 80 hat, dafür anfälliger sind als Straßenreifen mit deutlich weniger Negativprofil und viel längeren Profilblöcken, liegt auf der Hand.

Dabei wäre es ja auch möglich gewesen, einfach auf Wikipedia zu verweisen:
Stimmt! Hast Du recht!
Gibts eine Frage, schau doch einfach bei der Wiki rein...!

Aber vielleicht stolpert man als GSler hier in der Reifenecke eher drüber als in der Wiki?
 
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