Das schönste Tal der Welt – Tag 2
„
Buon giorno a tutti“
Es ist 06.30 Uhr und ich bin bereits wach, mein Zimmer liegt zur Straße hin und mangels Fensterläden oder Jalousie ist es auch schon hell im Zimmer. Was soll´s, raus aus den Federn, ins Bad und runter auf die Straße. Gegenüber am Kiosk sitzt versteckt bereits mein Mitfahrer, blauer Rauch verrät jedoch seine Position. Die Sonne hat schon Kraft, es dürfte heute eventuell etwas wärmer werden als die Tage zuvor.
Das Frühstück im Hotel ist eher typisch italienisch, nicht wie etwa in Südtirol. Viel süßes Gebäck, Kuchen und Cornetti. Wir beeilen uns, bunkern noch Mineralwasser für unterwegs und fahren bereits vor 09.00 Uhr los. Unser erstes Ziel ist das Markenzeichen von Bobbio, die Ponte Gobbo oder auch Ponte del Diavolo. Diese Bogenbrücke ist über 1000 Jahre alt und überspannt direkt an der Altstadt von Bobbio die Trebbia. Nach einigen Minuten Fahrt auf einem Feldweg erreichen wir den perfekten Standort für ein Foto und machen begeistert unsere Aufnahmen. Bereits jetzt nehmen wir uns vor heute Abend in der Dämmerung noch mal herzukommen. Dann aber zu Fuß.
Ponte Gobbo
Wir fahren weiter, auf sehr engen und schlechten Straßen zirkeln wir uns hoch in Richtung Passo di Santa Barbara. Ab dort allerdings ist die Fahrbahn deutlich besser und breiter ausgebaut, in völliger Einsamkeit folgen wir der Route Richtung Osten und überqueren das Val Nure. Gegenüber machen wir wieder ordentlich Höhenmeter, die Streckenführung verleitet weiterhin zu höherem Tempo und wir erreichen den Passo delle Pianazze. Dort ist die erste kleine Pause angesagt und ich stelle fest dass wir trotz dem flüssigen Kurvenswing für die bisherigen 71 Km über 1,5 Stunden gebraucht haben. So kann man sich täuschen.
Verfallene Bogenbrücke über den Ceno
Hinter dem Passo delle Pianazza biegen wir bei Gabriellini rechts ab auf eine schmale Straße hoch zum Passo della Colla. Bereits wenige Meter nach dem Ortsende geht die Fahrbahn in eine derbe Piste über. Teilweise fehlt der Belag, stellenweise ist die Fahrbahn tief abgesackt. Na ja, GS bedeutet ja Gelände – Straße, also frei nach Oliver Kahn: weiter, immer weiter. Im zweiten und maximal dritten Gang zockeln wir dahin, ständig den riesigen Schlaglöchern ausweichend. Die Wärme tut ihr Übriges, ich fange trotz Mesh – Anzug an zu schwitzen.
Strada Sarizuola hinter Gabriellini
Ab dem Passo della Colla wird die Fahrbahn wieder besser, richtig Meter machen wir trotzdem nicht. Es wird Zeit für die nächste Pause, auch haben wir unser Mineralwasser aufgebraucht und müssten dringend etwas trinken. Wir nähern uns einem Ort namens Bedonia, ich verlasse die Route und fahre Richtung Ortskern. Hier muss es doch eine Möglichkeit der Einkehr geben! Unsere Rettung ist eine kleine Bar, Tische stehen draußen, die Tür ist offen, da muss doch was gehen.
30 Minuten später geht Sven rein zum bezahlen, ich höre „
venti ottanta“. Sven kommt raus und ich frage nochmal nach. Tatsächlich, ich habe mich nicht verhört, 20 Euro und 80 Cent für zwei große sehr leckere Panini mit Parmaschinken und Salat, vier Weltklasse Cappuccini und vier kleine Flaschen Mineralwasser!
Muss für das Mittagessen reichen, Panino con Prosciutto di Parma e Insalata
Frisch gestärkt fahren wir wieder auf die Route, über den Passo Montevacà und den Passo del Segarino umrunden wir den höchsten Berg hier in der Gegend, den Monte Segarino. Bei Bedonia schließt sich wieder der Kreis und wir sehen den Ort in einer viel schöneren Ansicht als bei der Anfahrt zuvor von der anderen Seite.
Bedonia im Val di Taro
Wir folgen dem Lauf des Taro bis Bertorella und verlassen das Tal in südlicher Richtung zum Passo della Cappelletta. Stetig steigt die Strecke an, erst viele Kurven und dann auch einige Serpentinen lassen ein wenig Alpenfeeling aufkommen, ab 1000 Metern Höhe wird dann auch wieder die Vegetation dünner. Auf den Gipfeln sehen wir zum ersten Mal Windräder hier in der Region.
Wir befahren nun eine Art Kammstraße mit phantastischen Ausblicken, durchaus ähnlich der Route des Cretes in den Hochvogesen, nur hier vollkommen ohne Verkehr. Es folgen weitere drei Pässe in totaler Einsamkeit ohne das die Höhe unter 1000 Meter fällt, auch in den Abschnitten zwischen den Gipfeln.
Kurz vor dem Passo dei Codognini fahre ich auf einen unübersichtlichen und scharfen Rechtsknick zu. Durch unsere Annäherung aufgeschreckt steigt ein großer Schwarm Rabenvögel von der Fahrbahn auf, ich bremse instinktiv stark ab. Direkt hinter dem Knick liegt ein totes Reh auf dem Asphalt, die Raben haben sich bedient und die leckersten Teile schon geholt. Mit ziemlicher Sicherheit wäre ich ohne deren Vorwarnung wohl in den Kadaver gefahren.
Hoch zum Passo Scassella
Kammstraße zwischen dem Passo Scassella und dem Passo dei Codognini
Weiter geht´s durch eine wie verlassen wirkende Landschaft ohne Orte und Verkehr, ein echt unwirkliches Gefühl. Einen Unfall oder eine Panne willst du hier nicht haben. Über den Passo Cento Croci fahren wir weiter, ab und zu sieht man mal ein Gehöft. Oft sind das nur ein halbes Dutzend Gebäude, viele stehen wohl leer, keine Fensterscheiben mehr. Trotzdem steht da mal ein Panda 4 x 4, an einer Wäscheleine hängt Bekleidung zum trocknen, zwei Mülltonnen am Straßenrand fallen mir auf. Hier muss ja Jemand leben. Und hier kommt die Müllabfuhr her? Unglaublich!
Wir fahren wieder runter ins Tal des Taro, eine Brücke führt uns auf die andere Seite. Die Strecke steigt nun wieder stetig und steil an, wir nähern uns den höchsten Pässen dieser Tour. Auf fünfzehn Kilometern geht es von 600 Metern rauf bis auf knapp 1500 Meter, Kurve an Kurve reiht sich durch riesige und sonnendurchflutete Buchen- und Kastanienwälder. Herrlich! Der Straßenbelag ist aber teilweise wieder sehr schlecht, Unmengen an Dreck auf der Fahrbahn erfordert zusätzlich unsere Konzentration.
SP75 auf der Strecke Passo del Chiodo – Passo del Romezzano – Passo del Tomarlo
Mein Karpaltunnelsyndrom in der Kupplungshand meldet sich mittlerweile hartnäckig und schmerzt pausenlos, ich beiße die Zähne zusammen, nach der Saison lass ich das operieren. Mein Moped geht stramm auf die 150.000 Km zu und hat weniger Verschleiß als ich. Älter werden ist doof.
Kurze Raucher- und Pinkelpause, aber es muss ja weitergehen, noch 70 Km bis ins Hotel. Hört sich nicht viel an, aber auf solchen Pisten bedeutet das aber auch bestimmt noch ca. zwei Stunden. Dem Passo dello Zovallo folgt der Passo del Predon, immerhin auch noch 1470 Meter hoch in einer ganz tollen Landschaft.
Am Passo del Predon
Jetzt geht´s wieder steil bergab, runter ins Val d‘Aveto. Dort können wir für einige Kilometer mal richtig Tempo machen, doch nicht lange, der letzte Pass des Tages will erklommen werden. Aber ich verpasse im Rausch der Geschwindigkeit (80 Km/h) den Abzweig hoch zum Passo del Mercatello. Also wenden, zurück und links hoch. Der vierte und die höheren Gänge haben nun wieder Pause, das war´s mit flottem Kurvenwedeln. Durch enge und steile Serpentinen kriechen wir hoch, es folgt eine zwar ebene, aber sehr schmale und wohl schon Jahrzehnte nicht mehr ausreichend instandgesetzte Straße. Auf Teilstücken fehlt der Belag, rechts geht´s den Fels hoch, links tief runter. Immerhin hat´s manchmal Leitplanken, sehr beruhigend.
Kurz nach diesem Streckenabschnitt folgt einer der berühmte Orte an denen man nicht tot über dem Zaun hängen möchte
Hier ist es echt trostlos, einsam und fast ohne jegliche Infrastruktur, auch wenn die Landschaft absolut ihre Reize hat. Und fahrerisch ist es auch anspruchsvoll, aber halt eher nix für Fireblade und Ähnliches. Solche Mopeds haben wir den heutigen Tag noch nicht gesehen, eine der ansonsten omnipräsenten GS übrigens auch nicht. Auch keine sonstigen Reisenden auf dem Motorrad. Gut so! Es ist allerdings Mittwoch, am Wochenende mag das wohl anders aussehen.
Blick auf Cattaragna
Mit dem Überqueren des Passo del Mercatello nähern wir uns dann so langsam auch wieder unserem Quartier in Bobbio. Zum Abschluss lassen wir es auf der super ausgebauten SS45 im Val Trebbia nochmal laufen, nur eine Baustellenampel bremst uns kurz aus. Tanken, die Mopeds abstellen, ausgiebig duschen und kurz in die Horizontale. Jetzt bloß nicht einpennen, sonst ist der Abend absolut gelaufen.
Meine Gedanken kreisen um die heutige Tour. Auf zwei Rädern habe ich ganz Europa bereist, in Italien intensiv alle Regionen der oberen Hälfte bis runter in die Abruzzen und Lazio. Aber so eine Einöde mit so dünner Infrastruktur hatte ich noch nicht oft. Würde ich zukünftig was anders machen? Ja, bei solchen Streckenverhältnissen wie an diesen beiden Fahrtagen hier würde ich die Tagesstrecke auf max. 250 Kilometer begrenzen und dafür länger Pausen machen. Im Grunde sind wir pausenlos gefahren, nur ab und zu eine kurze Raucher- und Pinkelpause. Kaum was gegessen, und vor allem zu wenig getrunken.
Ich denke auch an meinen Schattenmann. Sven hat wenig Erfahrung, ich fahre seit 1978 Motorrad, er ist Späteinsteiger und fährt erst einige Jahre. Trotzdem zieht er bei meinen Touren voll mit, egal was da kommt. Nichts ist ihm zu viel, nie höre ich irgendein Gemecker. Das habe ich auch schon anders erlebt. So einen super Mitfahrer brauchst du, gerade dann wenn es dir selbst mal nicht passt. Persönlich sagen würde ich ihm das aber natürlich nie …
Es ist 19.30 Uhr, Sven und ich essen heute im Hotel, die kleine Speisekarte verheißt Gutes und lässt unseren Hunger noch größer werden. Wir werden nicht enttäuscht, wie auch, wir sind schließlich ja in Italien. Ein erstklassiger Grappa von Nonino aus dem Friaul, eine meiner Lieblingsmarken, rundet das Abendessen ab und wir ziehen der anfallenden Müdigkeit zum Trotz los zum Restprogramm des Abends.
… es folgte eine Tagliata di Manzo con Rucola e Rosmarino und eine Tiramisu
Uns zieht es noch mal in die Altstadt, und an die Brücke wollen wir ja auch noch. Direkt vor der Piazza Duomo ist eine Bar, es herrscht reger Betrieb. Aber wir erwischen noch den letzten freien Tisch unter den Arkaden und bestellen was zu trinken. Mir fällt ein ergrauter Mittfünfziger auf der bereits schon gestern lautstark die Anwesenden hier unterhalten hatte. Ständig zeigt er gestenreich Bilder auf seinem Smartphone. Er ist wie gestern auch mit einer 1250er GS angerollt, die einzige die wir hier im Ort gesehen haben. Weit kann seine Anfahrt vermutlich nicht gewesen sein, er trägt eine kurze Hose, Sneakers und ein Poloshirt. Wir genießen die Show, nehmen noch zwei Cafe. Eine Husqvarna Supermoto bollert mit Schritttempo aber dafür infernalischem Lärm durch die enge Gasse, die Fensterscheibe hinter mir vibriert und auf der Oberfläche meines Getränks bilden sich Ringe. Keiner der Anwesenden regt sich auf.
Wir machen uns auf den Weg zur Ponte Gobbo, dort will ich unbedingt noch hin. Wir kommen an der GS des Alleinunterhalters vorbei, ich werfe natürlich einen Blick darauf. Das Moped sieht aus wie neu, keine Fliegenleichen, nix. Offensichtlich ist aber eine Weltreise geplant, denn die GS ist mit einem Vario – Topcase bestückt. Links ist der Vario - Koffer montiert, ganz ausgezogen. Der rechte Koffer fehlt. Um Augenschmerzen zu vermeiden schaue ich weg und wir gehen schnell weiter.
Jedem das Seine, trotzdem müsste er hinter mir fahren
Es dämmert, und nach zehn Minuten Fußmarsch erreichen wir die Brücke. Ein paar junge Leute schlendern dort rum, wir gehen rüber zur anderen Seite. Dort standen wir heute Morgen mit den Motorrädern ja schon, aber wir sehen sofort dass sich dieser Gang hierher wirklich noch ein mal gelohnt hat. Die Brücke und die Altstadt sind mittlerweile beleuchtet, sehr geil sieht das aus. Wir machen unsere Fotos und lassen den Moment noch etwas wirken, dann geht´s endgültig ab ins Hotel zu Bett.
Es dämmert, die Ponte Gobbo und die Altstadt sind beleuchtet
Im Zimmer angekommen richte ich noch schnell meine Sachen zum Packen, es geht weiter zur nächsten Etappe, da habe ich es morgens dann immer etwas eilig. Da ich nur mit einer Gepäckrolle unterwegs bin geht das allerdings schnell. Morgen fahren wir weiter in meine zweite Heimat, den Lago di Como. Dort fahre ich seit mehr als 30 Jahren hin, zumeist mehrmals im Jahr. In einem kleinen Ort oberhalb des Valsassina habe ich Freunde gefunden, viel erlebt mit denen und so manche Höhe und Tiefe dort mitgemacht wie die Geburt der drei Kinder, aber leider auch den viel zu frühen Tod meines Freundes Lorenzo. Die Verbundenheit zur Familie hält aber bis heute, ich freue mich darauf die morgen alle wieder zu sehen. Und natürlich werden Sven und ich dort in den Bergamasker Alpen auch wieder zwei tolle Tagesfahrten machen. Aber das wäre dann eine andere Geschichte.
So, und jetzt frei nach Giovanni Trapattoni:
ho finito, danke für´s Mitgehen!
