Das schönste Tal der Welt

DiDi 60

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Südwestpfalz, direkt an der Grenze zu den Vogesen
Motorrad
R 80 G/S
R 1200 GS LC
Das schönste Tal der Welt

Das schönste Tal der Welt? In der langweiligen Emilia Romagna? Und dabei auch noch möglichst viele Pässe sammeln? Wie soll das bitteschön denn gehen?

Bei meinen Freunden und manchmal auch in diversen Motorradforen hatte ich schon den Eindruck dass sich für nicht Wenige die Emilia Romagna kaum als Ziel für eine Motorradreise anbietet. Öd und langweilig sei es dort, alles flach, und es ginge immer nur geradeaus. Stimmt absolut! Aber eben nur dann wenn man die Emilia Romagna auf die Ebene des Po und das Umfeld der Autostrada 1 zwischen Mailand und Bologna reduziert. Doch man muss ganz sicher nicht bis in die Toskana fahren um fantastische Motorradstrecken zu finden.

Letzten Juni kam ich zurück von meiner nun fünften Tour zu den Bergen, Pässen und Tälern der Emilia Romagna. Und während wir in den letzten Jahren hauptsächlich die Gegend südlich von Parma und Modena erkundet hatten war nun mal der Westen dieser italienischen Region unser Ziel. Ich möchte euch mal anhand von zwei gefahrenen Tagestouren aufzeigen wo z. B. nur wenige Kilometer südlich von Piacenza ein noch gut verstecktes Traumrevier auf italophile, erkundungsfreudige und kurvensüchtige Motorradfahrer wartet.

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Ach ja, bevor es dann demnächst losgeht, das Val Trebbia bezeichnete einst kein Geringerer als der weitgereiste Ernest Hemingway als das "schönste Tal der Welt". Ob das wirklich so ist? Nun, ich war da selbst sehr gespannt darauf.

Interesse geweckt? Dann bleibt am Ball …

Coming next soon!
 
Emilia Romagna,
Da gibts scho auch sehr schönes zu entdecken. Nicht nur Strassen und Kurven, auch aufm Teller gibts da Leckereien.
 
Freu mich schon jetzt auf tolle Bilder und deine Berichte dazu.
 
Der Hemingway war ja ein ziemlicher Schluckspecht, und hat dementsprechend viele hienterfragenswürdige Zitate abgesondert.

Nichtsdestotrotz ist jede Ecke von Italien eine Reise wert.
 
Das schönste Tal der Welt - Tag 1

Vorremmo altri due cappuccini per favore“. „Si“. Wir sitzen beim Frühstück und die betagte und ständig mürrisch dreinblickende Chefin unseres Hotels schlurft davon und macht sich an die Arbeit. Seit einem Jahr besuche ich zusammen mit unserer Tochter einen Italienischkurs, so langsam stellen sich die ersten Erfolgserlebnisse ein. Das Einchecken gestern Abend sowie die Frage nach dem Abendessen sind mir auch in der Landessprache gelungen, ich habe mal gehört rudimentäre Sprachkenntnisse sollen bei Auslandsreisen einen guten Eindruck machen.

Mein Mitfahrer Sven muss mal wieder kurz an die frische Luft, die Sucht ruft, und während ich auf unsere Cappucci warte geht mir unsere gestrige Anreise nochmal durch den Kopf. Vom Lago di Orta im Piemont und ein Stück durch Ligurien sind wir angereist, ab der Autobahn auf menschenleeren und teils schmalen und übelsten Rumpelpisten, 160 Km nach Bobbio. Eigentlich war da mehr geplant, aber die Straßen waren so schlecht das wir viel zu spät unser Basishotel erreicht hätten, also Abbruch der Route.

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Brücke bei Rosano über den Torrente Borbera in Ligurien

Durch einige vielversprechende Berichte und Bilder nach Recherche im Internet ist die Wahl unseres Ausgangspunktes für die Tagestouren auf Bobbio gefallen. Bobbio ist wirklich sehr sehenswert und wurde nicht umsonst in die Vereinigung „ I Borghi piu belli d´Italia“ aufgenommen. Dort findet man in ganz Italien, aufgegliedert nach Regionen, kleine historische Ortschaften abseits der großen Touristenströme. Immer wenn ich in Italien unterwegs bin schaue ich ob sich da was in meine Routen einbauen lässt. Zumeist mit Erfolg, und immer wirklich absolut lohnenswert.

Für die heutige Tagestour haben wir uns für die Gegend südwestlich von Bobbio entschieden, links und rechts des Val Trebbia. Also rasch hoch aufs Zimmer, rein in meinen Airflow – Anzug und rüber in den abgeschlossenen Innenhof des Hotels. Dort stehen gut behütet unsere Motorräder, Sven wartet voller Vorfreude auch schon auf mich.

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Mit Fernbedienung für das Tor, der Abstellplatz unserer Motorräder

Kurz nach neun Uhr biegen wir von Bobbio aus in südlicher Richtung auf die SS45 ab. Es ist noch kühl, 14 Grad, es bläst durch meinen Mesh - Anzug und meine Funktionsunterwäsche wärmt nur mäßig. Aber blauer Himmel und die kurvenreiche und mit gutem Belag versehene Straße entschädigen hierfür. Es ist kaum Verkehr und wir lassen es laufen, haben trotzdem ein Auge für die tolle Landschaft, mein Navigator vermeldet mir das dies noch 40 Km so gehen wird. Unglaublich. Obwohl wir uns auf einer der wenigen Geraden einer unübersichtlichen Rechtskurve nähern überholt ein Fiat Seidici zuerst Sven und dann mich in einem Rutsch und anschließend den vor mir fahrenden Pickup gleich auch noch bis weit in die Kurve hinein. Wir sind endgültig in Italien angekommen.

Das flotte Fahren hat nun ein Ende, wir biegen nach rechts in die SP16 ab und landen direkt in einer anderen Welt. Die Straße ist nur noch gut drei Meter breit, die Haarnadelkurven sind sehr eng und steil und zwingen mich mit der leichten Kurbelwelle meiner 2014er LC teilweise runter in den ersten Gang. Unser Ziel ist der Lago del Brugneto, den wir zuerst in einem großen Bogen umfahren. Obwohl wir erst eine Stunde unterwegs sind meldet sich ein Altherrenleiden und ich fahre rechts ran. Sven, fünf Jahre jünger, muss auch. Ich mache mir wohl zu viele Gedanken um das Thema.

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Mein Navigator nimmt mir Dank vorbereiteter Routen die Orientierung weitestgehend ab

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Blick in den Parco Naturale Regionale dell‘ Antola auf dem Weg zum Lago del Brugneto

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Lago del Brugneto

Einige Kilometer hinter dem Lago del Brugneto schließt sich der Kreis und wir erreichen wieder das Val Trebbia. So gut es am Anfang der Route lief, der Abstecher um den Lago del Brugneto hat uns ordentlich Zeit gekostet. Aber das Fahrerlebnis und die Landschaft waren es absolut wert. In Montebruno sehe ich im vorbeifahren eine dieser typischen kleine Bars am Straßenrand, also wenden. Wir nehmen an einem kleinen Tisch im Freien Platz, die Bedienung ist nett, hübsch anzuschauen und wir bestellen zur Stärkung Cappuccini, Tramezzini und Aqua Minerale con Gas.

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Die Bar Castrum in Montebruno

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Der alte zittrige Mann, sein Tremazzino und sein Cappuccino …

Weiter geht´s, wir haben heute noch viel Strecke vor uns, die SP56 führt uns kurvenreich hoch zum ersten Pass des Tages, dem Passo della Scoglina.

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Der erste kurvenreiche Pass für heute, und gleich über 1000 Meter hoch

Pässe sammeln ist hier unser Motto, deswegen sind wir ja hier her gefahren und ich bin selbst erstaunt wie viele Passstraßen es hier gibt. Natürlich ist dies nicht mit den Alpen zu vergleichen, weder von den Höhen noch von der Streckenführung. Trotzdem bietet das hier extremen Fahrspaß, die Passdichte ist sehr hoch und Geraden gibt es so gut wie keine. Und bis auf über 1500 Meter werden wir es sogar auch noch schaffen.

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Immer dabei, auch wenn sie eigentlich nur zur Vorbereitung der Touren gebraucht werden: gute Landkarten

Die Passstraßen zwischen Bobbio und Borgo Val di Taro in der Emilia sind dieses Jahr unser Ziel. Die Pässe weiter östlich in der Romagna sind wir in den letzten Jahren gefahren. 56 Pässe habe ich mir so in der gesamten südlichen Emilia Romagna mittlerweile archiviert, bis auf ganz wenige Ausnahmen bin ich die nach dieser Tour dann auch gefahren.

Die Südrampe des Passo della Scoglina macht bei der Abfahrt mächtig Spaß, Kehre reiht sich an Kehre, mein Akra blubbert sonor im Schiebebetrieb. Erst weiter südlich im Tal der Lavagna nahe der ligurischen Küste schaffe ich es dann mal wieder in den fünften Gang. Mittlerweile sind wir bereits über vier Stunden unterwegs, der Stundenschnitt hat sich bei ungefähr 35 Km/h eingependelt. Bei Carasco biegen wir wieder ab und folgen dem Lauf des Torrente Graveglia. Eine GS kommt uns entgegen, der Fahrer trägt eine gelbe Warnweste. Ich wehre mich kurz gegen heimatliche Gefühle, grüße aber trotzdem freundlich zurück.

Was nun folgt ist eine anhaltende Kurvenorgie, Geradeausfahrt gibt´s hier nicht. Passo del Biscia, Passo Melanotte, Passo del Bocco und Passo dei Ghiffi sind auf nur 30 Kilometern unsere nächsten Stationen. Auf und ab, linksrum und dann nach rechts, alles mit gemäßigtem Tempo. Der Verkehr geht weiterhin gegen Null, ich werde langsam müde und meine Konzentration lässt nach. Ich schalte den MP3 – Player meines Navigators an, von ziemlich soft bis ziemlich hart ist alles immer mit auf der Reise, aber zu allererst schreit mir Parkway Drive die Live – Version von Dedicated in den Helm. Passt jetzt nicht wirklich zum Tempo, ich lasse sie brüllen, aber „Hallo wach“!

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Aufkleberfreies Passschild am Passo del Biscia

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SP49 hinter dem Passo dei Ghiffi

Bei der Weiterfahrt auf der SP86 Richtung Passo della Forcella fällt mir mal wieder auf wie extrem dünn doch die „Cappuccino – Infrastruktur“ hier im Vergleich zu anderen Gegenden Italiens ist. Seit der Pause heute Morgen hatten wir kaum eine Möglichkeit mehr zur Einkehr. Eine Handvoll Bars haben wir zwar gesehen, jedoch waren alle geschlossen. Liegt eventuell auch mit an den abgelegenen Strecken die ich ja immer aussuche, trotzdem ist diese Gegend hier auch insgesamt extrem dünn besiedelt. Größere Städte gibt es garnicht, die Straßen sind meistens leer. Wo wohl diese Menschen hier arbeiten und von was sie leben?

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Kurvenspaß auf der SP86 Richtung Passo della Forcella

Nach dem Passo della Forcella folgt auf 30 Kilometern eine echte Traumstrecke entlang dem Valle dell‘Aveto, es geht auf bestem Belag mit ordentlichem Tempo voran, die gleichmäßig gezirkelten Kurven machen Spaß ohne Ende. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, mein Bordcomputer vermeldet 26 Grad, jetzt macht der Airflow echt einen guten Job.

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Pinkelpause an der Strada Statale della Valle dell‘ Aveto

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Blick ins tief eingeschnittene Valle dell‘ Aveto

So langsam nähern wir uns wieder unserem Hotel in Bobbio. Vorher will ich aber unbedingt noch zu einem Aussichtspunkt oberhalb des Val Trebbia. Ein ganz bestimmtes Bild im Internet hat den Ausschlag zu dieser Reise überhaupt erst gegeben, es gilt übrigens auch noch zu klären ob dieses Tal nun wirklich das schönste Tal der Welt ist. So sah es ja zumindest Ernest Hemingway.

Mittels Unterstützung durch Google Earth hatte ich den passenden Fotostop gefunden und als Wegpunkt in die Route eingebaut, mein Navigator führt uns zuverlässig hin. In einem ganz kleinen Ort mit Namen Brugnello parken wir unsere Motorräder, eine alte Dame verfolgt von ihrer Veranda aus streng blickend unser Treiben. Zu Fuß erreichen wir nach wenigen Minuten eine kleine Aussichtsplattform und blicken geflasht runter ins Val Trebbia und auf die gegenüberliegenden Berggipfel. Wow, was ein Anblick!

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Brugnello. Die einzige Einkehrmöglichkeit dort war natürlich leider auch geschlossen

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Das Val Trebbia von Brugnello aus gesehen. Man kann auch gut die super zu fahrende SS45 sehen. Ist es nun das schönste Tal der Welt? Die Einen sagen so, Ernest Hemingway sagte so. Ich enthalte mich, obwohl ich wirklich schwer begeistert bin.

Es ist mittlerweile 17.30 Uhr, Zeit sich auf den Weg ins Hotel zu machen. In Bobbio tanken wir noch voll für die morgige Tagestour, dann ab unter die Dusche und umziehen. Das Restaurant unseres Hotels hat heute Abend geschlossen, wir gehen also in den nur 50 m entfernt gelegenen historischen Ortskern von Bobbio. Bobbio hat alles was ich an solchen Orten in Italien liebe. Reges Treiben auf den Gassen, eine Piazza, ausreichend Gelegenheiten zur Einkehr. Die Menschen sitzen beieinander, es wird generationenübergreifend viel und lautstark miteinander geredet. Dass mein Italienisch doch deutlich schlechter ist als ich dachte merke ich daran dass ich kaum irgendwelchen Gesprächen folgen kann. Egal, wir genießen es beim Abendessen im Freien dem Treiben zuzusehen und besprechen die vielfältigen Eindrücke des heutigen Tages. Die Vorfreude auf morgen wächst.

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Die Piazza Duomo

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Abbazia di San Colombano

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So geht´s natürlich auch

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Hier gibt es meine Lieblingssalami, die Nostrano, eine mittelgrobe und gut gewürzte Salami aus der Schweineschulter

Es ist dunkel, wir sind satt und müde und gehen nach einem guten, aber teuren Grappa ins Hotel. Den Wecker stelle ich auf 07.00 Uhr, Frühstück gibt es ab 08.00 Uhr. Mir fällt ein das ich meine Frau heute noch nicht angerufen habe, das mache ich auf meinen Reisen eigentlich täglich am Abend. Meine Frau ist schlecht gelaunt, weiß der Kuckuck warum, und das Gespräch dauert deshalb nicht lange. Ich mache das Licht aus und schlafe subito ein.

(Tag zwei folgt morgen)

Buona notte a tutti, a domani











 
Noch eine kurze Anmerkung:
diesen kleinen Reisebericht habe ich letztes Jahr in einem anderen Forum bereits veröffentlich und nach einer erneuten Reise in die Emilia dieses Jahr nun leicht angepasst hier eingestellt.
Ich freue mich über jeden Kommentar, egal ob Lob, Kritik oder Anregung.
Ich bitte aber von Nachfragen nach weiteren Informationen abzusehen, mit der Weitergabe von Unterkunftsempfehlungen, POI, Routen und Tracks habe ich leider nicht nur gute Erfahrungen gemacht.
Danke!
 
Noch eine kurze Anmerkung:
diesen kleinen Reisebericht habe ich letztes Jahr in einem anderen Forum bereits veröffentlich und nach einer erneuten Reise in die Emilia dieses Jahr nun leicht angepasst hier eingestellt.
Ich freue mich über jeden Kommentar, egal ob Lob, Kritik oder Anregung.
Ich bitte aber von Nachfragen nach weiteren Informationen abzusehen, mit der Weitergabe von Unterkunftsempfehlungen, POI, Routen und Tracks habe ich leider nicht nur gute Erfahrungen gemacht.
Danke!

Ah jetzt, kam mir doch bekannt vor :ROFLMAO: Schön das du das hier nochmals einstellst. Danke dafür und es passt gerade ganz gut. Bin dabei, Reisevorbereitungen bzw. Routen für 2026 zu planen. Ich möchte mit einem Freund teils in diese Gegend dann evtl. zur Ducati World Week, schließlich haben die 100 Jähriges Firmenjubiläum und dann weiter runter an den Östlichen Apenin entlang und wieder zurück.

Anhand deiner mitgeteilten Städte und Täler usw. kann ma sich ja selber ne Route zusammenklicken.
 
Noch eine kurze Anmerkung:
diesen kleinen Reisebericht habe ich letztes Jahr in einem anderen Forum bereits veröffentlich und nach einer erneuten Reise in die Emilia dieses Jahr nun leicht angepasst hier eingestellt.
Ich freue mich über jeden Kommentar, egal ob Lob, Kritik oder Anregung.
Ich bitte aber von Nachfragen nach weiteren Informationen abzusehen, mit der Weitergabe von Unterkunftsempfehlungen, POI, Routen und Tracks habe ich leider nicht nur gute Erfahrungen gemacht.
Danke!
Das ist schade, aber ich lese hier trotzdem gerne mit und hole mir Anregungen.
Danke für den tollen Reisebericht! (y)
 
Das schönste Tal der Welt – Tag 2

Buon giorno a tutti

Es ist 06.30 Uhr und ich bin bereits wach, mein Zimmer liegt zur Straße hin und mangels Fensterläden oder Jalousie ist es auch schon hell im Zimmer. Was soll´s, raus aus den Federn, ins Bad und runter auf die Straße. Gegenüber am Kiosk sitzt versteckt bereits mein Mitfahrer, blauer Rauch verrät jedoch seine Position. Die Sonne hat schon Kraft, es dürfte heute eventuell etwas wärmer werden als die Tage zuvor.

Das Frühstück im Hotel ist eher typisch italienisch, nicht wie etwa in Südtirol. Viel süßes Gebäck, Kuchen und Cornetti. Wir beeilen uns, bunkern noch Mineralwasser für unterwegs und fahren bereits vor 09.00 Uhr los. Unser erstes Ziel ist das Markenzeichen von Bobbio, die Ponte Gobbo oder auch Ponte del Diavolo. Diese Bogenbrücke ist über 1000 Jahre alt und überspannt direkt an der Altstadt von Bobbio die Trebbia. Nach einigen Minuten Fahrt auf einem Feldweg erreichen wir den perfekten Standort für ein Foto und machen begeistert unsere Aufnahmen. Bereits jetzt nehmen wir uns vor heute Abend in der Dämmerung noch mal herzukommen. Dann aber zu Fuß.

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Ponte Gobbo

Wir fahren weiter, auf sehr engen und schlechten Straßen zirkeln wir uns hoch in Richtung Passo di Santa Barbara. Ab dort allerdings ist die Fahrbahn deutlich besser und breiter ausgebaut, in völliger Einsamkeit folgen wir der Route Richtung Osten und überqueren das Val Nure. Gegenüber machen wir wieder ordentlich Höhenmeter, die Streckenführung verleitet weiterhin zu höherem Tempo und wir erreichen den Passo delle Pianazze. Dort ist die erste kleine Pause angesagt und ich stelle fest dass wir trotz dem flüssigen Kurvenswing für die bisherigen 71 Km über 1,5 Stunden gebraucht haben. So kann man sich täuschen.

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Verfallene Bogenbrücke über den Ceno

Hinter dem Passo delle Pianazza biegen wir bei Gabriellini rechts ab auf eine schmale Straße hoch zum Passo della Colla. Bereits wenige Meter nach dem Ortsende geht die Fahrbahn in eine derbe Piste über. Teilweise fehlt der Belag, stellenweise ist die Fahrbahn tief abgesackt. Na ja, GS bedeutet ja Gelände – Straße, also frei nach Oliver Kahn: weiter, immer weiter. Im zweiten und maximal dritten Gang zockeln wir dahin, ständig den riesigen Schlaglöchern ausweichend. Die Wärme tut ihr Übriges, ich fange trotz Mesh – Anzug an zu schwitzen.

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Strada Sarizuola hinter Gabriellini

Ab dem Passo della Colla wird die Fahrbahn wieder besser, richtig Meter machen wir trotzdem nicht. Es wird Zeit für die nächste Pause, auch haben wir unser Mineralwasser aufgebraucht und müssten dringend etwas trinken. Wir nähern uns einem Ort namens Bedonia, ich verlasse die Route und fahre Richtung Ortskern. Hier muss es doch eine Möglichkeit der Einkehr geben! Unsere Rettung ist eine kleine Bar, Tische stehen draußen, die Tür ist offen, da muss doch was gehen.

30 Minuten später geht Sven rein zum bezahlen, ich höre „venti ottanta“. Sven kommt raus und ich frage nochmal nach. Tatsächlich, ich habe mich nicht verhört, 20 Euro und 80 Cent für zwei große sehr leckere Panini mit Parmaschinken und Salat, vier Weltklasse Cappuccini und vier kleine Flaschen Mineralwasser!

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Muss für das Mittagessen reichen, Panino con Prosciutto di Parma e Insalata

Frisch gestärkt fahren wir wieder auf die Route, über den Passo Montevacà und den Passo del Segarino umrunden wir den höchsten Berg hier in der Gegend, den Monte Segarino. Bei Bedonia schließt sich wieder der Kreis und wir sehen den Ort in einer viel schöneren Ansicht als bei der Anfahrt zuvor von der anderen Seite.

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Bedonia im Val di Taro

Wir folgen dem Lauf des Taro bis Bertorella und verlassen das Tal in südlicher Richtung zum Passo della Cappelletta. Stetig steigt die Strecke an, erst viele Kurven und dann auch einige Serpentinen lassen ein wenig Alpenfeeling aufkommen, ab 1000 Metern Höhe wird dann auch wieder die Vegetation dünner. Auf den Gipfeln sehen wir zum ersten Mal Windräder hier in der Region.

Wir befahren nun eine Art Kammstraße mit phantastischen Ausblicken, durchaus ähnlich der Route des Cretes in den Hochvogesen, nur hier vollkommen ohne Verkehr. Es folgen weitere drei Pässe in totaler Einsamkeit ohne das die Höhe unter 1000 Meter fällt, auch in den Abschnitten zwischen den Gipfeln.

Kurz vor dem Passo dei Codognini fahre ich auf einen unübersichtlichen und scharfen Rechtsknick zu. Durch unsere Annäherung aufgeschreckt steigt ein großer Schwarm Rabenvögel von der Fahrbahn auf, ich bremse instinktiv stark ab. Direkt hinter dem Knick liegt ein totes Reh auf dem Asphalt, die Raben haben sich bedient und die leckersten Teile schon geholt. Mit ziemlicher Sicherheit wäre ich ohne deren Vorwarnung wohl in den Kadaver gefahren.

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Hoch zum Passo Scassella

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Kammstraße zwischen dem Passo Scassella und dem Passo dei Codognini

Weiter geht´s durch eine wie verlassen wirkende Landschaft ohne Orte und Verkehr, ein echt unwirkliches Gefühl. Einen Unfall oder eine Panne willst du hier nicht haben. Über den Passo Cento Croci fahren wir weiter, ab und zu sieht man mal ein Gehöft. Oft sind das nur ein halbes Dutzend Gebäude, viele stehen wohl leer, keine Fensterscheiben mehr. Trotzdem steht da mal ein Panda 4 x 4, an einer Wäscheleine hängt Bekleidung zum trocknen, zwei Mülltonnen am Straßenrand fallen mir auf. Hier muss ja Jemand leben. Und hier kommt die Müllabfuhr her? Unglaublich!

Wir fahren wieder runter ins Tal des Taro, eine Brücke führt uns auf die andere Seite. Die Strecke steigt nun wieder stetig und steil an, wir nähern uns den höchsten Pässen dieser Tour. Auf fünfzehn Kilometern geht es von 600 Metern rauf bis auf knapp 1500 Meter, Kurve an Kurve reiht sich durch riesige und sonnendurchflutete Buchen- und Kastanienwälder. Herrlich! Der Straßenbelag ist aber teilweise wieder sehr schlecht, Unmengen an Dreck auf der Fahrbahn erfordert zusätzlich unsere Konzentration.

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SP75 auf der Strecke Passo del Chiodo – Passo del Romezzano – Passo del Tomarlo

Mein Karpaltunnelsyndrom in der Kupplungshand meldet sich mittlerweile hartnäckig und schmerzt pausenlos, ich beiße die Zähne zusammen, nach der Saison lass ich das operieren. Mein Moped geht stramm auf die 150.000 Km zu und hat weniger Verschleiß als ich. Älter werden ist doof.

Kurze Raucher- und Pinkelpause, aber es muss ja weitergehen, noch 70 Km bis ins Hotel. Hört sich nicht viel an, aber auf solchen Pisten bedeutet das aber auch bestimmt noch ca. zwei Stunden. Dem Passo dello Zovallo folgt der Passo del Predon, immerhin auch noch 1470 Meter hoch in einer ganz tollen Landschaft.

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Am Passo del Predon

Jetzt geht´s wieder steil bergab, runter ins Val d‘Aveto. Dort können wir für einige Kilometer mal richtig Tempo machen, doch nicht lange, der letzte Pass des Tages will erklommen werden. Aber ich verpasse im Rausch der Geschwindigkeit (80 Km/h) den Abzweig hoch zum Passo del Mercatello. Also wenden, zurück und links hoch. Der vierte und die höheren Gänge haben nun wieder Pause, das war´s mit flottem Kurvenwedeln. Durch enge und steile Serpentinen kriechen wir hoch, es folgt eine zwar ebene, aber sehr schmale und wohl schon Jahrzehnte nicht mehr ausreichend instandgesetzte Straße. Auf Teilstücken fehlt der Belag, rechts geht´s den Fels hoch, links tief runter. Immerhin hat´s manchmal Leitplanken, sehr beruhigend.

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Kurz nach diesem Streckenabschnitt folgt einer der berühmte Orte an denen man nicht tot über dem Zaun hängen möchte

Hier ist es echt trostlos, einsam und fast ohne jegliche Infrastruktur, auch wenn die Landschaft absolut ihre Reize hat. Und fahrerisch ist es auch anspruchsvoll, aber halt eher nix für Fireblade und Ähnliches. Solche Mopeds haben wir den heutigen Tag noch nicht gesehen, eine der ansonsten omnipräsenten GS übrigens auch nicht. Auch keine sonstigen Reisenden auf dem Motorrad. Gut so! Es ist allerdings Mittwoch, am Wochenende mag das wohl anders aussehen.

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Blick auf Cattaragna

Mit dem Überqueren des Passo del Mercatello nähern wir uns dann so langsam auch wieder unserem Quartier in Bobbio. Zum Abschluss lassen wir es auf der super ausgebauten SS45 im Val Trebbia nochmal laufen, nur eine Baustellenampel bremst uns kurz aus. Tanken, die Mopeds abstellen, ausgiebig duschen und kurz in die Horizontale. Jetzt bloß nicht einpennen, sonst ist der Abend absolut gelaufen.

Meine Gedanken kreisen um die heutige Tour. Auf zwei Rädern habe ich ganz Europa bereist, in Italien intensiv alle Regionen der oberen Hälfte bis runter in die Abruzzen und Lazio. Aber so eine Einöde mit so dünner Infrastruktur hatte ich noch nicht oft. Würde ich zukünftig was anders machen? Ja, bei solchen Streckenverhältnissen wie an diesen beiden Fahrtagen hier würde ich die Tagesstrecke auf max. 250 Kilometer begrenzen und dafür länger Pausen machen. Im Grunde sind wir pausenlos gefahren, nur ab und zu eine kurze Raucher- und Pinkelpause. Kaum was gegessen, und vor allem zu wenig getrunken.

Ich denke auch an meinen Schattenmann. Sven hat wenig Erfahrung, ich fahre seit 1978 Motorrad, er ist Späteinsteiger und fährt erst einige Jahre. Trotzdem zieht er bei meinen Touren voll mit, egal was da kommt. Nichts ist ihm zu viel, nie höre ich irgendein Gemecker. Das habe ich auch schon anders erlebt. So einen super Mitfahrer brauchst du, gerade dann wenn es dir selbst mal nicht passt. Persönlich sagen würde ich ihm das aber natürlich nie …

Es ist 19.30 Uhr, Sven und ich essen heute im Hotel, die kleine Speisekarte verheißt Gutes und lässt unseren Hunger noch größer werden. Wir werden nicht enttäuscht, wie auch, wir sind schließlich ja in Italien. Ein erstklassiger Grappa von Nonino aus dem Friaul, eine meiner Lieblingsmarken, rundet das Abendessen ab und wir ziehen der anfallenden Müdigkeit zum Trotz los zum Restprogramm des Abends.

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… es folgte eine Tagliata di Manzo con Rucola e Rosmarino und eine Tiramisu

Uns zieht es noch mal in die Altstadt, und an die Brücke wollen wir ja auch noch. Direkt vor der Piazza Duomo ist eine Bar, es herrscht reger Betrieb. Aber wir erwischen noch den letzten freien Tisch unter den Arkaden und bestellen was zu trinken. Mir fällt ein ergrauter Mittfünfziger auf der bereits schon gestern lautstark die Anwesenden hier unterhalten hatte. Ständig zeigt er gestenreich Bilder auf seinem Smartphone. Er ist wie gestern auch mit einer 1250er GS angerollt, die einzige die wir hier im Ort gesehen haben. Weit kann seine Anfahrt vermutlich nicht gewesen sein, er trägt eine kurze Hose, Sneakers und ein Poloshirt. Wir genießen die Show, nehmen noch zwei Cafe. Eine Husqvarna Supermoto bollert mit Schritttempo aber dafür infernalischem Lärm durch die enge Gasse, die Fensterscheibe hinter mir vibriert und auf der Oberfläche meines Getränks bilden sich Ringe. Keiner der Anwesenden regt sich auf.

Wir machen uns auf den Weg zur Ponte Gobbo, dort will ich unbedingt noch hin. Wir kommen an der GS des Alleinunterhalters vorbei, ich werfe natürlich einen Blick darauf. Das Moped sieht aus wie neu, keine Fliegenleichen, nix. Offensichtlich ist aber eine Weltreise geplant, denn die GS ist mit einem Vario – Topcase bestückt. Links ist der Vario - Koffer montiert, ganz ausgezogen. Der rechte Koffer fehlt. Um Augenschmerzen zu vermeiden schaue ich weg und wir gehen schnell weiter.

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Jedem das Seine, trotzdem müsste er hinter mir fahren 😝

Es dämmert, und nach zehn Minuten Fußmarsch erreichen wir die Brücke. Ein paar junge Leute schlendern dort rum, wir gehen rüber zur anderen Seite. Dort standen wir heute Morgen mit den Motorrädern ja schon, aber wir sehen sofort dass sich dieser Gang hierher wirklich noch ein mal gelohnt hat. Die Brücke und die Altstadt sind mittlerweile beleuchtet, sehr geil sieht das aus. Wir machen unsere Fotos und lassen den Moment noch etwas wirken, dann geht´s endgültig ab ins Hotel zu Bett.

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Es dämmert, die Ponte Gobbo und die Altstadt sind beleuchtet

Im Zimmer angekommen richte ich noch schnell meine Sachen zum Packen, es geht weiter zur nächsten Etappe, da habe ich es morgens dann immer etwas eilig. Da ich nur mit einer Gepäckrolle unterwegs bin geht das allerdings schnell. Morgen fahren wir weiter in meine zweite Heimat, den Lago di Como. Dort fahre ich seit mehr als 30 Jahren hin, zumeist mehrmals im Jahr. In einem kleinen Ort oberhalb des Valsassina habe ich Freunde gefunden, viel erlebt mit denen und so manche Höhe und Tiefe dort mitgemacht wie die Geburt der drei Kinder, aber leider auch den viel zu frühen Tod meines Freundes Lorenzo. Die Verbundenheit zur Familie hält aber bis heute, ich freue mich darauf die morgen alle wieder zu sehen. Und natürlich werden Sven und ich dort in den Bergamasker Alpen auch wieder zwei tolle Tagesfahrten machen. Aber das wäre dann eine andere Geschichte.

So, und jetzt frei nach Giovanni Trapattoni: ho finito, danke für´s Mitgehen!

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Obwohl, du darst deinem Mitfahrer Sven auch mal loben! 😉👍
Habe ich natürlich, diesen Reisebericht hat er auch schon gelesen. 👍
Das einzige schwarz - weiße Bild oben zeigt ihn und das habe ich ihm als Geschenk auf eine Alubond - Platte drucken lassen, hängt jetzt in seinem Wohnzimmer.
 
Vielleicht habe ich das schon im anderen Forum geschrieben, aber Dein Reisebericht ist echt super, sehr plastisch erzählt und die Bilder sind auch gigantisch.
In manchen Beschreibungen erkenne ich mich wieder, z.B. in der Beschreibung, wie Dir italienische Orte am besten gefallen... genau so geht es mir auch. Es muß ein ganz kleines bißchen was los sein, durchaus auch lautstark - man muß ja nicht selbst der Auslöser sein :-)

Echt Klasse!
 
Moin,
Bin heute eher zufällig auf meinem Weg vom Gardasee nach Genua durch das Tal auf der SS45 und ebenso zufällig auf einen Capu in Bobbio durchgekommen. Eine Traum-Straße und Landschaft.
Bin mit dem Van unterwegs, aber das ich hier nochmal mit dem Motorrad herkomme hatte ich heute Mittag schon beschlossen.
Deinen Bericht hatte ich leider schon vergessen, aber gleich nochmal mit Freuden gelesen 😊
 
War ja letzte Woche am Mittwoch und Donnerstag in Bobbio mit VW T5. Sehr schön dort. Wir waren auf dem Camperstellplatz fußläufig bei Bobbio, der Platz war noch ziemlich leer. Wir sind da auch ehr zufällig auf der Rückreise von Korsika vorbei gekommen. Ich plane aber im Juni mit der GS in die Ecke zu fahren.
Achja die Italienische 1250er GS stand da auch in der Stadt. Ob es die Gleiche war, weiß ich natürlich nicht.
An dem Mittwoch Abend hatte leider fast alles zu, ausser ein paar Bars und wir hatten Hunger. Da kam uns ein daherlaufender junger Italiener gerade recht. Es stellte sich herraus das er seit 3 Monaten in Bobbio lebt und aus Sizilien kommt. Er hat uns dann zu einem Hotel gebracht, dass ein kleines Restaurant dabei hatte und geöffnet war. Die Speisekarte war sehr übersichtlich, eine Seite. Dafür ein Buch als Weinkarte. War nicht billig dort aber sehr sehr lecker mit ausgezeichnetem Wein.
Auf dem Weg zu dieser Lokalität kamen wir auch bei einer Pizzeria vorbei, der junge Italiener meinte, bloß nicht dort essen, wär nur für Touris und nicht gut.
Am nächsten Morgen haben wir bei dem Cafe Konditorei am Platz bei der Kirche lecker Süßzeuch verspeißt mit sehr gutem Cappu.
Uns hat der Ort sehr gut gefallen.
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