Tag 16 – 14. Oktober
Der Tag beginnt recht frisch hier auf 700m Höhe, aber sonnig mit blauem Himmel. Ich werfe den Boxer und die Griffheizung an und wähle statt Hauptstraße die Fortsetzung des schmalen Sträßchens von gestern, das mich über einen kleinen Pass inklusive Scheiteltunnel in ein verschlafenes Tal hinabführt, welches sich nach Bosnien öffnet. An der kleinen Grenzstation stehen ein paar Einheimische beim Smalltalk, so richtig Grenzverkehr gibt’s hier nicht.
Genau, und auch für mich leider nicht, denn der Uniformierte geht um Gilette herum, meint „ah, tourist!“ und erklärt mir, dass dieser Grenzübergang nur für Anwohner geöffnet ist.
Ich verkneife mir den Hinweis, dass er mit seinem Verstoss gegen den Allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz den EU-Beitritt seines Landes torpediert und frage stattdessen nach dem kürzesten Weg zum kaum drei Kilometer (Luftlinie) entfernten ausländerfreundlichen Grenzübergang. Leider genau wie erwartet – 18km zurück zum Grahovac1858 und weitere 18km Nationalstraße zum offiziellen Übergang. Sackgassen erfreuen sich ja genau deshalb eines besonderen Reizes, weil sie auf dem Rückweg ganz andere Einblicke eröffnen als auf dem Hinweg.
Eine knappe Stunde später genieße ich, frisch in Bosnien eingereist, von hoch oben den Blick auf die kleine verschlafene Grenzstation tief unten im Tal…
Bald erreiche ich mit der Trebišnjica den längsten Karstfluss Europas, deren Verlauf ich nun bis zu ihrem vollständigen Versickerung im unteren Popovo Polje, dem Priesterfeld, folge.
Während sich der Fluss in Schleifen durch Trebinje windet, lege ich auch diesmal eine Pause in der wunderschönen Altstadt ein, es ist Markttag und beim Café au lait unter Platanen fühle ich mich in die Provence versetzt.
Ab dem Ortsrand von Trebinje säumen zahlreiche Wasserschöpfräder, Norias, den Flusslauf. Noch zu Zeiten der Winnetou-Dreharbeiten verschwand das Wasser bereits hier in unzähligen Schlucklöchern, heute wird der Fluss über weite Teile in einem Betonbett geführt und endet erst am nordwestlichen Ende des Poljes in mehreren Versickerungsstellen, bevor er nach teils vielen Kilometern unterirdischen Verlaufs an verschiedenen Stellen als Karstquellen wieder zutage tritt.
Bald stosse ich auch wieder auf die am Rand des Poljes verlaufende Trasse der Dalmatinerbahn, der ich bis Hutovo folge, von wo der schmale Neum-Korridor Bosniens einzigen Zugang zur Adria bildet. Zahlreiche Hotels und unzählige Pensionen zeugen davon, dass die gleichnamige Stadt nicht nur den einzigen Seehafen Bosniens besitzt, sondern auch die einzigen Adriastrände für den inländischen Tourismus bietet.
Ab hier werde ich, so der Plan, die nächsten drei Tage der Jadranska Magistrala bis zu ihrem Ende bei Triest folgen. Zunächst wird wieder in die EU eingereist, dann geht es im weiten Bogen um das Neretva-Delta und dann folgt – Meer links, Berge rechts – der als Makarska Riviera bekannte aussichtsreiche Küstenabschnitt Kroatiens.
Das Biokovo-Gebirge, der Abschnitt des dinarischen Küstengebirges zwischen der Neretva und Split, ermöglicht nur wenige Strassenverbindungen ins Hinterland, eine davon mündet nahe Makarska in die Küstenstraße, nachdem sie diese schon etliche Kilometer sichtbar in kühner Trassenführung entlang der Felswände aus großer Höhe begleitet. An gleicher Stelle beginnt die 23 km lange mautpflichtige Panoramastraße auf den höchsten Gipfel des Biokovo-Gebirges, den 1762 Meter hohen Sveti Jure. Wieder einmal holt mich der kurze Tag ein, daher habe ich den Biokovo Skywalk und vor allem den anschließenden Straßenverlauf durch die Karstlandschaft bis zum letzten steilen Anstieg auf den Gipfel fast für mich alleine.
Die Aussicht durch den hufeisenförmigen Glasbodensteg des Skywalks nach unten, wo der Blick zwölf Meter von der Klippe entfernt zwischen den Zehenspitzen hindurch einen Kilometer in die Tiefe reicht, muss man mögen, der mehr horizontale Ausblick über die Makarska Riviera ist phänomenal.
Die zweite Hälfte der Panoramastraße mit ihrem sehr schmalen, unübersichtlichen Kurvenverlauf öffnet sich mal zur Adria, mal Richtung Inland, bevor nach dem letzten steilen Serpentinenanstieg der Gipfel des Sveti Jure mit dem Sendeturm und der Kapelle des Heiligen Georg erreicht ist. Der abgesperrte Betriebsbereich kann in wenigen Minuten umrundet werden und bietet in jede Richtung einen unglaublichen Weitblick.
Und wie bereits zu Beginn der Tagesetappe festgestellt – Sackgassen erfreuen sich ja genau deshalb eines besonderen Reizes, weil sie auf dem Rückweg ganz andere Einblicke eröffnen als auf dem Hinweg.
Die Abendsonne macht deutlich, weiter als Makarska komme ich heute nicht mehr. Was sich als Glücksfall herausstellt, denn das zu Sonnenuntergang gebuchte
Heritage Hotel Porin in zentraler Uferlage erweist sich als Volltreffer.
Da muss man dann auch mal darüber hinwegsehen, dass Gilette, sorry, die Nacht bei den „Kleinen“ verbringen muss.
